Schatten im Advent 2

Redaktion Von Redaktion
Schatten im Advent 2
dbna/chrian

Menschenmassen drückten durch die Straßen der Innenstadt. Man hätte meinen können, Weihnachten wäre – einmal mehr – vollkommen unerwartet über die Gesellschaft hereingebrochen, denn auf einmal fiel jedem ein, dass er ja noch Geschenke bräuchte.

Menschenmassen drückten durch die Straßen der Innenstadt. Man hätte meinen können, Weihnachten wäre einmal mehr vollkommen unerwartet über die Gesellschaft hereingebrochen, denn auf einmal fiel jedem ein, dass er ja noch Geschenke bräuchte.

Durch den Trubel hindurch kämpften sich händchenhaltend Kevin und Sven. Auch wenn es nicht mehr ganz so eisig kalt war, so war alles andere als sich weiter dick in die Wintersachen einzupacken immer noch kein Spaß.

Ruckartig blieb Kevin stehen, so dass der Mann hinter ihm beinahe auf ihn aufgelaufen wäre.
"Hey! Kannst du nicht aufpassen!", beschwerte der sich lautstark bei Kevin.

"Tut mir leid", bekundete Kevin schnell. Auf Konflikt war er definitiv nicht aus, außerdem hatte er etwas anderes im Sinn. Der andere ließ ihn auch unbehelligt und zog ärgerlich den Kopf schüttelnd weiter.

Sven fühlte sich derweil am Arm zurückgezogen. Fragend blickte er sich zu seinem Freund um. Der deutete mit dem ausgestreckten Arm nur stumm auf das Kaufhaus, vor dem sie gerade standen.

Sven fing an zu lachen. "Grunz, grunz! Grunz, grunz!", gab Sven dann nur noch von sich, um zu zeigen, dass er sich an ihren Kaufhausbesuch vor einem Jahr und der Begegnung mit dem rosa Schweinchen noch sehr gut erinnern konnte.

Kevin grinste und schmiegte sich fest an Svens Schulter. Es war schön, wieder zurück zu sein in der Heimat. Und Sven war auch wieder ganz der alte: unbeschwert, für ihn da und auch die alte Verbindung zwischen ihnen, die ohne große Worte funktionierte, war wieder da. Und das Wichtigste war, dass es sich wieder richtig anfühlte. Alles war gut und wie schnell das gegangen war. Kevin dachte mit einem Schaudern an die vergangenen Wochen. Nein, das möchte er nicht noch einmal erleben. Vorsichtig fasste er sich an seine Schläfe, wo ein Kratzer langsam verheilte.

Das war wirklich glimpflich ausgegangen und er konnte froh sein, dass er hier noch steht. Auch Svens Gelassenheit mit der Situation beruhigte ihn. Doch, wie sie es geregelt hatten, war richtig.

Kevin erinnerte sich noch genau, wie er mit einem dröhnenden Schädel im Foyer des Bürogebäudes aufgewacht war. Sven hatte sich neben ihn gekniet und ihn an der Schulter gerüttelte. Weiß wie eine Wand war sein Freund gewesen - und tief erleichtert, als Kevin stöhnend die Augen wieder aufgeschlagen hatte.

"Was ist passiert?", fragte Kevin verwirrt.
"Meine Mutter..., sie hat...", Sven schluckte mehrmals, bis er es über die Lippen brachte. "Sie hat auf dich geschossen."
Er fühlte nun die brennende Stelle an seiner Schläfe, die leicht blutete.
"Ein... Streifschuss..." Kevin registrierte das mehr überrascht als erschrocken.
Langsam wurde Sven wieder ruhiger. "Ja, Gottseidank nur."
"Und wo ist sie jetzt?"
"Ich habe sie...", Sven zögerte. "Ich habe sie ruhig gestellt, sagen wir es so."
Ein Stirnrunzeln war Kevins Reaktion, er fragte aber nicht weiter nach. Etwas mühselig rappelte er sich auf. Sven half ihm dabei.

dbna/chrian

"Geht es dir gut?"
"Mir ist etwas schummrig und ich habe Kopfschmerzen, ansonsten geht es, denke ich. Was machen wir jetzt?"
Soweit war Sven gedanklich noch gar nicht gekommen. Ratlos zuckte er mit den Schulter.
"Sollten wir nicht die Polizei anrufen?"
Schockiert schüttelte Sven den Kopf. "Nein, bloß nicht! Meine Mutter würde dann wegen versuchten Mordes verhaftet."
"Aber irgendwas müssen wir doch tun! Sie hat mich versucht umzubringen!" Kevin wurde wütend.

Sven starrte zerknirscht auf den Boden. Er war hin und her gerissen. Sie war doch seine Mutter! Er konnte sie doch ins Gefängnis wandern lassen. Das ging doch nicht. Aber was sollte er tun?!? Er war vollkommen hilflos.

Als Kevin seinen Freund so verzweifelt sah, nahm er ihn in den Arm. Seine Wut war so schnell wieder verraucht wie sie gekommen war.

"Sie braucht dringend Hilfe. Das weißt du nun genauso gut wie ich, oder?"
"Weißt du, ich bin vorhin hierher gekommen, um sie mit deinen Vorwürfen zu konfrontieren. Als du sagtest, dass du meine Nachricht nicht erhalten hattest, war mir klar, dass sie letztlich für deinen Zusammenbruch verantwortlich ist. Was für eine billige Intrige! Einfach den Zettel zu entsorgen." Sven schüttelte den Kopf. "Auch wenn dein nervlicher Zusammenbruch direkt nicht bezweckt gewesen ist wie konnte sie auch damit rechnen so wollte sie doch einen Keil zwischen uns treiben. Ich war glücklicherweise misstrauisch genug, ihr nicht völlig auf den Leim zu gehen, aber dennoch weit genug. Und irgendwie bin ich dennoch an der gesamten Situation mitschuld. Vor allem hätte ich dich nicht so allein lassen dürfen. Diese ganze Schufterei habe ich ja nur ihretwegen auf mich genommen, damit sie zufrieden ist und die Firma weiterbesteht. Ich kann aber nicht mehr und ich mag nicht mehr. Das habe ich ihr vorhin auch noch mal gesagt."
Sven schwieg.

"Und wie hat sie darauf reagiert?"
"Eigentlich gar nicht. Genauso wenig wie auf meinen Vorwurf, dass sie den Zettel an dich verschwinden hat lassen. Sie schaute mich nur an, nickte mit dem Kopf und stand dann auf. Ich fragte, ob sie mir nicht etwas zu sagen hätte, was dich betrifft. Sie sagte weiter nichts. Sie ging vielmehr an mir vorbei zur Tür, nahm ihren  Mantel von der Garderobe und ging dann zur Tür hinaus. Ich starrte ihr hinterher, zögerte einige Sekunden, weil ich selbst nicht wusste, wie ich mit der Situation umgehen sollte. Sie hatte einen zügigen Schritt drauf.  Ich bin ihr auch nicht sofort hinterher. Erst als ich an den Schreibtisch ging und die untere Schublade, in der die Waffe meines Vaters lag, offen stand, wurde mir sehr flau im Magen. Ich bin sofort ihr hinterher gestürzt, aber als ich dann das Foyer erreichte, sah ich sie nur noch von hinten, wie sie die Waffe auf dich richtete..."

Still trat zwischen sie. Kevin zögerte einen Augenblick mit seiner Frage, aber er wollte es wissen.
"Hast du mich gerettet?"

Das Schweigen setzte sich fort. Dann schüttelte Sven leicht den Kopf. "Nein." Seine Stimme war nur noch ein Flüstern. "Ich war zu weit weg und selbst viel zu überrascht, um zu reagieren. Es war nur Zufall, dass sie dich verfehlt hat, vermutlich hat sie noch nie richtig geschossen. Sonst wäre das vielleicht anders gelaufen."

Ein Kloß saß in Kevins Hals. Ihm wurde bewusst, dass nur ein glücklicher Wink des Zufalls das Leben gerettet hatte. Er bekam eine Gänsehaut.

"Als der Schuss dann fiel und du zusammensacktest, habe ich mit dem Schlimmsten gerechnet. Ich wüsste nicht, was ich getan hätte, wenn sie dich wirklich getroffen hätte. Auf jeden Fall bin ich dann mit einem Schrei losgestürzt, erst mal auf meine Mutter, um sie zu überwältigen. Und dann zu Dir."

Beiden stiegen die Tränen in die Augen. Sie fielen sich in die Arme und heulten wie die Schlosshunde los. Es war als wäre ein Damm gebrochen, alle Wut, Trauer und Angst der letzten Zeit wurde heraus gespült. Sie waren froh, dass sie sich noch hatten. So standen sie lange aneinander geklammert im Foyer und ließen ihren Gefühlen freien Lauf.

dbna/chrian

Es war Kevin, der sich zuerst von Sven zu lösen begann. Er hielt aber Svens Hände fest, drückte sie sanft und blickte ihm fest in die Augen.

"Und was tun wir nun?"
Ratlos zuckte Sven mit den Schultern.
"Wo ist denn die Waffe?", wollte Kevin wissen.
"Die dürfte noch dort liegen, wo meine Mutter stand, bevor ich sie..."

"Lebt sie denn noch?" Kevin riss erschrocken die Augen auf.
"Jaja, keine Sorge. Ich könnte doch nie..." Sven schüttelte einmal mehr den Kopf.
"Ist klar, du hast sie also nur bewusst los geschlagen?"
Dieses Mal nickte Sven. "Ich habe sie dann ins Büro gebracht und sie eingesperrt.

"Gut", fuhr sein Freund fort. "Dann werden wir die Waffe entladen, zerlegen und dann entsorgen, so dass sie keinen Schaden mehr anrichten kann. Und dann, ja, mhhh, dann müssten wir deine Mutter abholen lassen..."

"Abholen lassen?!?", Svens Augen sprangen förmlich aus ihren Höllen. "Von wem denn bitte?!?"
"Keine Sorge, ich habe nicht mehr an die Polizei gedacht. Deine Mutter braucht aber Hilfe, professionelle Hilfe. Meinst du nicht?"

Beide wussten, dass Kevin damit recht hatte. Sven resignierte. Er konnte seine Mutter so auch nicht alleine lassen und einfach verschwinden. Wer wusste schon, was sie sich sonst antun würde?

So kam es, dass Sven seinen Hausarzt spät am Abend noch anrief. Da seine Familie mit diesem auch privat immer wieder verkehrt hatte, bestand ein sehr gutes Vertrauensverhältnis zu ihm. Dennoch verpflichtete Sven ihn zuerst auf seine ärztliche Schweigepflicht und schilderte danach erst die Vorfälle des Abends mit einem Teil der Hintergründe. Kevins Zusammenbruch ließ er bewusst weg. Der Arzt verstand und übernahm alles weitere. Es fiel Sven nicht leicht, seine Mutter einweisen zu lassen, aber eine psychiatrische Klinik war die einzige Möglichkeit, die er selbst noch sah wollte er die Polizei nicht einschalten.

Als sie das Büro dann zu dritt Kevin, Sven und der Hausarzt das Büro betraten, saß Hannah bewegungslos am Schreibtisch. Auf Ansprachen reagiert sie nicht. Als das entsprechende Personal kam, ging sie stumm mit. Ohne jeden Widerstand wurde sie abgeführt und verschwand schließlich in dem Krankenwagen vor der Tür, der ohne viel Aufsehen gleich losfuhr.

Nachdem sie das Gebäude schließlich verlassen hatten, sperrte Sven die Tür ab. Als er sich umdrehte, war es für ihn so, als würde er einen Teil seines Lebens zurücklassen. Es hatte etwas endgültiges.

In der Wohnung zurück bat Sven Kevin, seine Sachen zu packen.
"Was hast du vor?"
"Schatz, wir fahren morgen über Weihnachten zu deinen Eltern. Ich halte es hier nicht mehr aus. Das ist mir alles zu viel."

Kevin war begeistert. Stürmisch fiel er seinem Freund um den Hals und knutschte ihn stürmisch ab.

Und so kam es eben, dass sie am vierten Advent in Kevins Heimat durch die mit Menschen gefüllte Fußgängerzone drängten. Es war einmal mehr verkaufsoffen und die Konsumtempel hatten alle offen. Da ihnen aber nicht nach Einkaufen, sondern einfach nur nach Gesellschaft und Ablenkung war, zogen sie ziellos durch die Innenstadt, bis sie schließlich müde und durchgefroren waren. Schließlich kehrten sie zu Kevins Eltern zurück, die schon mit Kaffee und Plätzchen warteten.

Für Sven war dieser Spaziergang zu zweit auch die finale Phase für einen folgenreichen Entschluss. Sie saßen zu viert am Esstisch, aber eine Besonderheit fehlte noch. Mit einen Feuerzeug aus der Hosentasche gezaubert schuf Sven dem Mangel Abhilfe und zündete den Adventskranz in der Mitte an.

Dann nahm er Kevins Hände fest in die seinen und schaute ihn und dessen Eltern feierlich an.

"Ich habe heute einen endgültigen Entschluss getroffen. Die Firma wird verkauft. Ich möchte, dass wir beide zusammen wieder hierher zurück ziehen und nochmal ganz von vorne anfangen."

Kevin starrte ihn mit offenen Mund an und war vollkommen von den Socken. Auch die Eltern blickten sehr erstaunt, aber auch freudig drein. "Ist das dein Ernst?!?" fragte Kevin leise, als er seine Sprache wieder gefunden hatte. Er konnte es nicht fassen. Es war das schönste Geschenk, dass Sven ihm machen konnte.


"Ja, durchaus. Ich habe die vergangenen Tage lange überlegt. Ich bin mir sicher. Ich fühle mich in dieser Stadt wohl, kenne schon genügend Menschen und das wichtigste, Kevin: Du fühlst dich hier wohl und ich möchte, dass es dir gut geht und wir zusammenbleiben."

Kevin fiel mit einem Freudenschrei so wuchtig über seinen Freund her, dass sie zusammen vom Stuhl fielen und über den Boden kullerten. Sie lachten, freuten und drückten sich. Sven lag schließlich auf dem Rücken und blieb so liegen. Kevin lag auf ihm. Vorsichtig beugte er sich über das Gesicht seines Freundes.

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"Du bist das Beste, was mir je passiert ist", flüsterte er und gab seinem Freund einen langen Kuss.

-Ende-

Das Team von dbna wünscht euch allen FROHE WEIHNACHTEN!

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