Schatten im Advent 2

Redaktion Von Redaktion
Schatten im Advent 2
dbna/chrian

Es war der dritte Advent und Kevin rannte wie verrückt. Seine Haare hingen ihm wild ins Gesicht und sein Blick huschte hektisch von links nach rechts und wieder zurück, ständig auf der Suche ihn doch noch irgendwo zu entdecken.

Es war der dritte Advent und Kevin rannte wie verrückt. Seine Haare hingen ihm wild ins Gesicht und sein Blick huschte hektisch von links nach rechts und wieder zurück, ständig auf der Suche ihn doch noch irgendwo zu entdecken. Sein Atem ging stoßweise, bildete kleine Dampfwölkchen vor seinem Gesicht.

Es war seit letzter Woche nicht noch viel kälter geworden. In einigen Ecken der Region hatte man -20 Grad Celsius gemessen. Es war einer der kältesten Winter seit Jahrzehnten. Kevin fror jämmerlich, hatte er doch nur eine dünne Jacke über den Pyjama angezogen, das Nächstbeste, was er von der Garderobe blind gegriffen hatte, als er von daheim los geeilt war.

dbna/chrian

Er hatte eine fürchterliche Ahnung. Er hätte ihn aufhalten müssen. Hoffentlich tat er nichts, was sie beide am Ende bereuen würden. Eine Wahnsinnsfurcht jagt ihn vorwärts. Auf den Schock des letzten Wochenendes konnte nun doch nicht eine solche Katastrophen folgen...

Sven war wie geplant am Dienstag mit seiner Mutter zurückgekehrt. Ihn hatte ihre Gelassenheit, ihre Fröhlichkeit die drei Tage immer misstrauischer gemacht. Als sie ihm dann Montag Abend noch vorgeschlagen hatte, ihren spontanen Kurzurlaub zu verlängern und bis zum Sonntag zu bleiben, hatte er rundum abgelehnt. Seine übervolle Tasche hatte ihn schon am Anfang stutzig gemacht. Mit mütterlicher Übervorsorge ließ sich das nicht erklären. Was sollte das alles? Was für ein Spiel spielte seine Mutter?

Am Dienstag bestand er darauf nicht erst gegen Abend, sondern direkt nach dem Frühstück wieder zurückzufahren. Schon seit Montag Mittag grübelte er, warum Kevin sich noch nicht gemeldet hatte. Er hatte ihm doch gerade deswegen die Nummer gegeben. Sowieso kannte er Kevin gut genug, dass dieser sich eigentlich unter normalen Umständen Sonntag morgens gemeldet hätte. Irgendetwas stimmte nicht.

Seine eigenen Versuche Kevin ab da zu erreichen, blieben erfolglos. Kevins Handy war aus und daheim ging niemand ran. Sven war daher mehr als nur besorgt.
Seine Mutter gab seinem frühzeitigeren Abreisegesuch nur mit starkem Widerwillen nach. Da er entschied, selbst zu fahren, blieben auch alle weiteren Versuche Hannahs die Rückfahrt zu verlängern aussichtslos.

Als sie am frühen Nachmittag zurückkehrten, war das Haus komplett still. Sven durchschritt die Haustür und lauschte, Hannah folgte ihm mit etwas Abstand. Nichts war zu hören. Er betrat zuerst die Küche. Der Boden dort war voller roter Wachsstücke, dem Adventskranz fehlte eine Kerze und sah sehr zerrupfte aus. Unbehagen erfüllte ihn. Der Anblick der Küche löst dagegen bei Hannah nur ein Stirnrunzeln aus.

Er ging weiter in Richtung Schlafzimmer, nachdem im Wohnzimmer nichts Auffälliges war. Die Tür war geschlossen. Sven öffnete sie. Dahinter nur pure Dunkelheit. Er lauschte und meinte jemanden atmen zu hören. Blind tastete er nach dem Lichtschalter und betätigte ihn. Die Deckenlampe flammte auf und gab ein Chaos zur Ansicht frei.

Überall lagen verstreute Kleidungsstücke, dazwischen einzelne Utensilien aus dem Badezimmer. Das Bett war zerwühlt, aber leer. Hinter der einen Schrankecke ragten Teile der Bettdecke hervor. In einem großen Bogen durchquerte er das Zimmer, um ein besseren Blick in diese Ecke werfen zu können. Seine Mutter war inzwischen auch an der Tür angekommen und zog erschrocken die Luft zwischen den Zähnen ein.

dbna/chrian

Sven drehte sich zu ihr um und deutete ihr lautlos, dass sie leise sein und sich nicht von der Stelle bewegen soll. Dann bewegte er sich weiter. Jetzt konnte er entdecken, dass sich unter der Decke ein Körper in die Nische kauerte.

Mit schnelleren Schritten überwand er die letzte Distanz, zog die Decke weg und erschrak heftig. Kevin lag apathisch dort, hatte nicht mal auf das Wegziehen der Decke reagiert. Die Lippen waren spröde, das Gesicht war blass und wirkte ausgezehrt, schwere, dunkle Ringe lagen unter den Augen.

Vorsichtig berührte Sven seinen Freund an der Schulter. Der reagierte auf die Berührung gar nicht.
Die Gedanken in Svens Kopf überstürzten sich.

"Mutter", rief er, "ein Glas Wasser, schnell!"
Er warf einen Blick über seine Schulter. Hannah stand noch immer in der Tür.
"Mach!" brüllte er.
Erst da wandte sie sich wortlos um.

Er schüttelte kurz den Kopf und widmete sich wieder Kevin. Er legte sich einen Arm Kevins um die Schulter und griff dann beherzt um dessen Oberkörper und unter die Knie, hob ihn so an und trug ihn zum Bett. Dort legt er ihn ab, ging nochmal kurz zur Ecke, um die Decke zu holen, die er dann über seinem Freund im Bett wieder ausbreitete. Er befühlte Kevin Stirn. Die Temperatur schien eher zu niedrig als zu hoch zu sein.

Er blickte auf, als er Schritte hinter sich hört. Seine Mutter brachte das Wasser.
"Danke", sagte er schlicht, bevor er sich wieder Kevin widmete.
"Soll ich einen Arzt", begann sie zu fragen.
"Nein", sagt er tonlos, aber bestimmt.
Hannah schluckte. Hilflos stand sie mitten im Raum.

Sven hob Kevins Kopf leicht an, dreht ihn leicht zu sich. Kevins Blick war noch immer ins Leere gerichtet.
"Hey", versuchte es Sven. Keine Reaktion. Nochmal: "Hey!" Dieses Mal lauter. Nichts. Jetzt rüttelte er ihn leicht, rief seinen Namen, küsste ihn auf die Stirn und blickte ihn erneut an. Kevins Blick klärte sich, fokussierte Sven. Seine Lippen bewegten sich, sie schienen "Sven" zu sagen.

"Ja, ich bins." Kevins Geist versucht wieder Fuß fassen. Er sah Sven vor sich, der ihn seinen Kopf hielt. Was machte Sven hier? Er war doch fort. Träumte er nur einmal mehr? Oder war er schon gestorben und das war der Himmel? Aber wieso schaute Sven dann so besorgt? Wenn er im Himmel war, dann war doch wieder alles gut, oder?

"Trink das", sprach Sven zu ihm und drückte ihm etwas Kaltes an die Lippen. Er öffnete vorsichtig die Lippen, die wie sich Pergament anfühlten. Seine Zunge lag schwer und geschwollen wie ein gestrandeter Wal in seinem Mund. Dann fühlte er wie Flüssigkeit in seinen Mund rang. Hätte er die Kraft gehabt, hätte er mit beiden Händen nach dem Glas an seinem Mund gegriffen. So versuchte er nur gierig die Flüssigkeit in sich hinein zu schlürfen. Erschrocken zog Sven das Glas weg.

"Nicht so gierig! Trink langsam, du kriegst noch mehr." Dabei wandte er sich um und blickte seine Mutter auffordernd an. Die zuckte nur gleichgültig mit den Schultern und trottete davon.

Nun setzte Sven wieder das Glas an Kevins Lippen. Langsam ließ er die Flüssigkeit in Kevins Mund gleiten. Der zeigte sich nun disziplinierter und trank langsamer. Als das Glas leer war, kam auch schon das nächste heran. Sven nickte seiner Mutter nur noch dankend zu. Seine Aufmerksam war voll bei Kevin.

Dieser wollte etwas sagen, bekam aber nur ein Röcheln heraus.

"Psst", sagte Sven. "Das hat Zeit, ich bin ja jetzt da." An Hannah gewandt fuhr er fort: "Sag im Büro drüben Bescheid, dass ich für den Rest der Woche, auch sagen wir gleich bis Weihnachten nicht zur Verfügung stehe."

Seine Mutter wurde blass. "Was?", flüsterte sie.
"Du hast richtig verstanden. Die und auch du könnte das die gut vierzehn Tage auch ohne mich." Er blickte sich zu ihr um.
Hannah nickte nur noch stumm, dann ging sie. So hatte sie das alles nicht geplant.

Kevin wurde die nächsten Tage von seinem Freund gepflegt. Die Dehydrierung bekam Sven schnell in den Griff. Nur Kevins Gemütszustand bekümmerte ihn. Zum einen wollte ihm Kevin nicht sagen, was geschehen war vielleicht konnte er das auch gar nicht , zum anderen machte er sich auch selbst auch Vorwürfe. Einiges war in letzter Zeit ziemlich schief gelaufen, das spürte er intuitiv nun, da er genug Zeit hatte, sich Gedanken zu machen. Er blieb auch ständig an Kevins Seite, nur wenn es sich nicht anders vermeiden ließ, suchte er einen Raum alleine auf, um zu kochen, duschen und so weiter.

Gleichzeitig suchte zwar auch Kevin seine Nähe, dennoch blieb er emotional auf Distanz. Er grübelte viel, dachte über seinen vollkommenen Zusammenbruch nach und kam zu einigen wichtigen Schlussfolgerungen für sich selbst.  Es musste etwas passieren, wollte er, dass sich das alles nicht wiederholte.

Am Sonntag Nachmittag brach dann das nächste emotionale Gewitter über sie herein. Es brach mit einem kurzen Satz Kevins aus, der Sven fast völlig aus der Bahn warf.
Sie hatten die letzten Tage schon Worte gewechselt, aber alles nur belangloses Zeug. Sven braucht seinem Freund gerade ein paar frisch gebackene Lebkuchen ans Bett, da sah ihn dieser einfach nur stumm an. Sven schaute Kevin fragend an.

Da kam der Satz, der den gesamten Raum erschütterte.

"Deine Mutter hasst mich." Kevin sprach das ruhig, gelassen und sehr trocken aus.

Sven fühlte sich, als hätte man ihm eine schallende Ohrfeige versetzt. In seinem Kopf rauschte es. Er blickte seinen Freund entsetzt an. Kevin erwiderte den Blick von unten ruhig und nickte seine Aussage unterstreichend.
Es dauerte etwas, bis Sven seine Fassung halbwegs wiederfand.

"Wie kannst du das nur sagen? Das stimmt doch gar nicht." Seine Erwiderung kam ihm selbst schwach vor.
"Es ist so. Ich habe keine Beweise, aber ich weiß, dass es so ist. Sie will mich los werden. Und fast habe ich das Gefühl, du unterstützt sie dabei." Kevin wusste nicht, woher die Kraft nahm, das alles zu sagen. Aber es musste raus. Er schüttelte lächelnd den Kopf. "Nein, natürlich nicht willentlich und bewusst. Es ist wohl eher so, dass sie dich nur steuert und du es nicht mal merkst."

Svens Augen traten aus dem Kopf. "Ist das dein Dank für die Pflege der letzten Tage, dafür, dass ich dich gerettet habe?"

Kevin schüttelte den Kopf.
"Nein, natürlich nicht. Ich hole nur das nach, was ich dir teilweise schon letzte Woche sagen wollte und was mir in den letzten Tagen klar geworden ist. Ich war fertig deinetwegen. Du hast dich so mit deiner Arbeit abgeschottet, mich gar nicht beachtet, mir ging es so mies dabei. Hinzu kommt, dass ich mich hier nie wohl- und aufgenommen gefühlt habe. Nein, das lag nicht alleine an deiner Mutter, die sich nie für mich oder uns beide interessiert hat, die mich geschnitten hat und mich mit Blicken aufspießt, die du gar nicht wahrnimmst. Deine Mutter interessiert sich nur für dich ganz allein. Es liegt auch daran, dass ich nicht in diese Region gehöre. Die Menschen sind mir fremd und ich ihnen. Du konntest das gar nicht merken, so wie du ständig mit deiner Arbeit beschäftigt warst auch wenn wir zusammen unterwegs waren, warst du mit deinem Kopf immer im Büro. Denkst du, ich habe das nicht gemerkt? Ich habe mich so alleine gefühlt. Da war auf einmal eine solche Distanz zwischen uns, wie als hätte jemand eine gläserne Wand eingeschoben. Und als du und deine Sachen dann am Sonntag auf einmal weg waren, als ich eigentlich mit dir sprechen wollte, da war ich am Nullpunkt, nein da war ich endgültig am Ende angekommen, da war meine Kraft verbraucht. Da hat auch die Zeit mit Julie nichts geholfen, weil letztendlich deine Präsenz Tag für Tag mich doch noch irgendwie erhalten hat, mir als Anker meiner selbst diente. Vielleicht war das aber auch gut, vielleicht musste ich erst so tief stürzen, um wieder oben auf zu sein. Natürlich, die Kraft kommt jetzt auch wieder durch dich und deine Fürsorge, aber, ganz ehrlich, wir wissen beide, dass ich es nie wieder soweit kommen lassen würde, wenn du wieder so verschwinden würdest, ohne Nachricht, ohne ein Wort mir zu sagen, was los ist, ohne dich irgendwie zu melden."

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Sven war neben dem Bett zu Boden gesunken, das Tablett mit dem frischen Backwerk stand neben ihm. Kevins Worte trafen ihn in seinem Innersten. Aber jetzt blickte er auf.

"Nein, das stimmt nicht."
"Doch, sonst würde ich dir das nicht sagen."
"Ich habe dir aber eine Nachricht hinterlassen, mit Nummer und Erklärung."
"Ich habe nichts gefunden."
"Sie sollte hier auf dem Bett liegen. Das habe ich meiner" Sven brach mitten im Wort ab. Ihm dämmerte etwas und etwas in ihm drohte zu zerbrechen. "Ich habe was zu erledigen", sagte er nur noch kalt, emotionslos, stand auf und verließ ohne ein weiteres Wort den Raum.

Kevin war sprachlos, er war doch noch nicht mal fertig! Und jetzt haute Sven einfach ab. Was sollte das?!? Empörung wuchs in ihm. Musste er sich denn alles gefallen lassen.

Kevin schüttelte wütend den Kopf und erhob sich vorsichtig aus dem Bett. Mit dem Tablett in der Hand ging er in Richtung Küche. Während er sich in der Küche einen Tee kochte und am Lebkuchen nagte, grübelte er über Svens Verhalten und seine letzten Worte nach. Eine Nachricht sollte auf dem Bett gelegen haben...

Er rührte mit einem Löffel in seiner Tasse.
Das habe er seiner..., ja, seiner was denn bitte schön!
Kevin kam nicht drauf. Er ging den Dialog hoch und runter, den sie geführt hatten. Svens Mutter hasse ihn, hatte er selbst gesagt. Seine Mutter...

Da griff auf einmal ein Rädchen in ein anderes und es macht klick! Und er hatte doch recht gehabt! Svens Mutter war mehr an seinem Zustand schuld, als er vorher überhaupt zu glaube gewagt hätte. Und was hatte Sven nun vor? Er würde doch nichts Unüberlegtes tun? Könnte er...? Kevin wollte gar nicht weiterdenken.

Noch bevor er den nächsten klaren Gedanken fassen konnte, sprang er auf die Beine, die beinahe unter ihm nachgaben. So erholt war er doch noch nicht. Aber die Angst verlieh ihm ungeahnte Kräfte, welche seine Schwäche schnell ausglichen.

So eilte er nun mit der dünnen Jacke an zum Bürokomplex. Nur dorthin konnte Sven jetzt unterwegs sein. Er würde seine Mutter im Büro aufsuchen, wo sie die Arbeiten erledigte, die normalerweise die Aufgabe ihres Sohnes gewesen wären. Sven hatte das am Donnerstag erzählt, dass sie nun seinen Platz einnehme und noch mehr ackerte als er selbst. Das heißt, sie müsste auch heute dort sein. Und das wusste auch Sven.

dbna/chrian

Als er das Gebäude erreichte, sah er, dass der Adventskranz im Foyer brannte. Drei Kerzen brannten gemächlich vor sich hin. Er war so überrascht, dass er verlangsamte. Der Haupteingang war unverschlossen, er trat ein. Vor dem Kranz blieb er erstaunt stehen. Dann erkannte er, dass es sich um keine echten Kerzen handelte, sondern dass der Kranz elektrifiziert war eine billige Attrappe.

Da ertönte ein Schuss in nächster Nähe. Kevin gefror das Blut in den Adern und einmal mehr wurde es schwarz vor seinen Augen.

Fortsetzung Teil 4»

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