"Schatten im Advent"

Redaktion Von Redaktion

Eine eisige Kälte hat in der vergangenen Woche Einzug in die Stadtgehalten. Zweistellige Minusgrade waren nachts keine Seltenheit. Dafürschenkte die Sonne tagsüber ihre breitestes Lächeln auf strahlend blauenGrund. Geschneit hatte es zwar nicht mehr, aber irgendwie rechnetejeder in den nächsten Tagen damit...

Eine eisige Kälte hat in der vergangenen Woche Einzug in die Stadt gehalten. Zweistellige Minusgrade waren nachts keine Seltenheit. Dafür schenkte die Sonne tagsüber ihre breitestes Lächeln auf strahlend blauen Grund. Geschneit hatte es zwar nicht mehr, aber irgendwie rechnete jeder in den nächsten Tagen damit. Die Weihnachtsfeiertage rückten näher und da mussten doch bei diesen Temperaturen weiße Weihnachten drin sein, dachten sich die Leute. Auch für Kevin wäre es ein Traum.

Zusammen streiften er und Sven Hand in Hand durch die Innenstadt. Es war der dritte Adventssonntag und verkaufsoffen logischerweise war wirklich mal wieder alles in der Stadt auf den Beinen. Sie mussten sich teilweise regelrecht durch Menschenmassen kämpfen.

Ihr Ziel war das städtische Einkaufszentrum. Natürlich hatten sie wie jeder an diesem Tag die Idee, gerade jetzt Weihnachtsgeschenke zu kaufen. Da sie sich aber schon einige Gedanken gemacht hatten, was sie verschenken wollten, wußten sie wenigstens halbwegs, was sie wollten. Gleichzeitig schloss das natürlich Spontankäufe nicht aus.

Ja, doch. Sven und Kevin lebten wieder zusammen - und nicht mehr bloß nebeneinander so wie in der Woche zuvor. Das Gespräch mit Sven war für den Jüngeren nicht leicht gewesen. Umgekehrt natürlich auch nicht; war es doch das erste Mal, das jener darüber sprach.

Kevins Gefühle hatten nach der Erzählung zwischen Überforderung, Verwirrtheit, Trauer und Enttäuschung, aber auch Erleichterung geschwankt. Daher hatte er an jenem Abend einige Momente gebraucht, um über das Gehörte nachzudenken und seine Emotionen einzuordnen.

Starker Tobak? Auf jeden Fall! Aber am Ende war die Erleichterung am größten gewesen, aber auch die Dankbarkeit darüber, dass Sven sich ihm anvertraut hatte. Konnte es denn einen größeren Vertrauensbeweis geben? Kevin konnte es sich zumindest nicht vorstellen.

Wenn er darüber nachdachte, was für einen Horror sein Freund vergangenes Weihnachten erlebt hatte, lief es Kevin eiskalt den Rücken hinunter.

Von den Eltern nach dem Outing verstoßen zu werden, war das eine, und das geschah leider noch immer viel zu vielen Schwulen. Aber das Eltern so aus der Haut fahren konnten, hätte er nicht für möglich gehalten.

So war Sven noch an Heilig Abend im selben Zug vor die Tür gesetzt worden. Aber dafür, dass er deswegen noch ein schlechtes Gewissen bekam, war später noch gesorgt worden. Am zweiten Weihnachtsfeiertag hatte sein Vater nämlich angerufen und ihm ins Telefon gebrüllt, dass sich seine Mutter wegen seiner "Perversion" in der vergangenen Nacht mit Schlaftabletten umgebracht hätte.

In diesem Moment war für Sven eine Welt zusammengestürzt. Aber zurück hatte er jetzt erst recht nicht mehr gekonnt. Den Kontakt zur Familie hatte er ab deshalb selbst abgebrochen. Nachdem er ohnehin schon ein paar Jahre berufsbedingt aus- und umgezogen war, war dies weniger ein Problem.

Die so entstandene Distanz hatte ihr nötiges getan, und die andere Seite sich in der Folgezeit ohnehin nicht gerührt. Zwei weitere Umzüge in kurzer Zeit  hatten dann weiter fördernd gewirkt. Die ersten zwei Wochen war Sven so hatte er es Kevin zumindest gesagt durch die Hölle gegangen; hatte sich komplett zurückgezogen, war nicht erreichbar gewesen. Ohnehin hatte man ihn bei seinen Eltern vermutet.

Nach dieser Zeit hatte er sich, weil er doch ein sehr anhänglicher Mensch war, emotional von seinem Freundeskreis auffangen lassen, über den er auch Kevin kennengelernt hatte. Schließlich war der dritte Umzug im Oktober gefolgt, nachdem Kevin und er sich schnell einig gewesen waren, zusammenziehen zu wollen. Beide wollten sie keine halben Sachen, sondern Nägeln mit Köpfen machen.

Diese Ablenkungen, der quasi Neubeginn mit Kevin waren ideal für die Verdrängung gewesen und so hatte Sven weitermachen können, als wäre nichts gewesen. Unangenehme Nachfragen von Kevin waren auch nicht gekommen, was der Sache dienlich gewesen war bis zum 1. Advent.

Während Kevin so seinen Gedanken nachhing, kamen sie langsam an ihr Ziel. Vor dem Eingang des Kaufhauses schubste Sven seinen Freund mit dem Ellenbogen an.

"Hey, Erde an Mars, wir sind da."

"Schon gemerkt Houston. Dann mal Attacke-Karambo", grinste Kevin und zusammen stürzten sie sich ins Getümmel.

Sie durchstreiften die Abteilungen, fanden mal hier, mal dort etwas, was sie suchten oder auch spontan fanden.

"Hier, schau mal, Schatz, die rosa Handschuhe würde doch prima zu Eike passen", lästerte Kevin mit sichtlichem Vergnügen. Und jedes scheinbar noch so klischeemäßige Objekt wurde kommentiert oder gar ausprobiert.

Als sie an der Spielwaren-Abteilung vorbeikamen, erregt ein besonderes Geräusch Svens Aufmerksamkeit. Er blieb stehen und spitze die Ohren.

"Hörst Du das?"

Auch Kevin hielt an. "Was meinst Du?"

"Psst!" Einige Sekunden verstrichen. Der Umgebungslärm tönte wenig irritiert weiter. "Da, jetzt."

Angestrengt lauschte der Jüngere und tatsächlich.

"Das hört sich an wie ein Grunzen!"

"Wo das herkommen mag? Lass uns suchen!" Sven schnappte Kevins Hand und gemeinsam liefen sie die Gänge in der nächsten Umgebung ab, bis sie auf einen Luftballon in relativer Augenhöhe stießen. Dieser hing an einer Schnur und an deren anderen Ende ein kleines Ferkel.

In rosafarbenen Plüsch als Haut bewegte es sich langsam vorwärts, um nach einigen Schrittchen stehen zu bleiben. Ein lautes Grunzen wurde ausgestoßen und dabei wackelte es keck mit Rüssel und Schwanz.

Wie Kevin das so beobachtete, bekam er keinen Lachkrampf. "Wie geil!" rief er aus.

Sven bückte sich und hob das kleine Schweinchen auf. Sanft streichelte er es und rieb er mit ihm Schnauze an Schnauze, als es lustig grunzte.

"Du, das kaufen wir für uns. Ich find das echt cool! Unser erstes Haustier!"

Kevin, den es bei der Nasenreiberei fast vor Lachen zerriss, gluckste nur. "Geht klar!"

So schalteten sie das Schweinchen aus und trugen es zur Kasse, um dort ein original verpacktes zu erhalten. Sie hatten Glück: nur noch zwei waren im Lager vorhanden.

Sie blieben noch eine ganze Weile im Kaufhaus, bis sie zum Ladenschluß mehr oder minder erst zur Kasse und danach hinaus komplimentiert wurden. Inzwischen war es dunkel geworden und nur noch wenige Menschen waren unterwegs. Die Massen hatten sich viel zu dieser Stunde zum Weihnachtsmarkt verschoben. Darauf hatten aber Sven und Kevin keine Lust mehr.

"Ich bin müde." Kevin gähnte lauthals, beide Hände tief in den Jackentaschen vergraben.

"Hey, friss mich nicht auf!" stichelte Sven und gab seinem Freund einen Kuss, als der seinen Mund wieder geschlossen hatte.

Der Kleine errötete. "Schuldig."

"Wie süß das immer aussieht, wenn du rot wirst."

Kevin puffte Sven in die Seite und hackte sich dann bei ihm unter.

"Lass uns heimgehen. Ich mag das Zeug nicht ewig schleppen."

Sven stimmte zu und gemeinsam beschlossen sie, eine Abkürzung durch die Gassen zu nehmen.

Sie gingen los, die Gassen waren menschenleer und dunkel bis auf wenige Lichtinsel, in deren Mitte jeweils einsam eine Straßenlaterne stand. Die Häuser, an denen sie vorbei kamen, schienen verlassen, nur ganz vereinzelt leuchtete es hinter einem Fenster hell.

So nährten sie sich langsam den Rand der Innenstadt, als es in der letzten Gasse hinter ihnen plötzlich laut wurde. Man hörte gleich, dass es besoffene Jugendliche sein mussten, die grölend vom Weihnachtsmarkt kamen. Sven und Kevin achteten nicht weiter drauf.

Doch auf einmal erschallte ein lauter Ruf hinter ihnen.

"Hey, schau mal die beiden Schwuchteln da vorne!"

Wie angewurzelt blieben die Gemeinten stehen und schauten entsetzt hinter sich. Das hätten sie sie besser nicht getan.

Im gleichen Moment ertönte es von hinten kurz hintereinander:

"Tatsächlich!"

"Die schnappen wir uns!"

Kaum, dass das Wort "schnappen" Svens Ohr erreichte, griff er blind nach Kevins Hand und stürzte mit seinem perplexen Freund im Schlepptau los.

Bruchteile einer Sekunde später ertönte hinter ihnen das Fußgetrampel von fünf, sechs Paar Füßen.

Im Kopf überstürzte Sven ihren Rückweg zur Wohnung, mögliche Fluchtwege und Verstecke.

Kevin hatte seine Hand inzwischen gelöst, damit sie schneller rennen konnten. Allein ihre Einkäufe behinderten sie. Von der Lautstärke der Geräusche hinter ihnen schätzte Sven, dass die Verfolger noch gut fünfzig Meter entfernt sein mussten.

Ein gehetzter Blick über die Schulter bestätigte diese Einschätzung.

"Schaffen wir es heim?" keuchte es neben ihm.

"Müssen wir," stieß Sven hervor. Aber bis dorthin war es noch ein gutes Stück zu weit, wie Sven erkannte.

Kurz bevor sie das Ende der lang gezogenen Gasse erreichten, zischte er: "Links!"

Zusammen bogen sie im Laufschritt ab.

Keine dreißig Meter weiter hieß es wieder: "Links!"

Und noch bevor sie hinter der Biegung verschwinden konnten, schoss auch die Meute um die erste Ecke und sah sie sofort. Die Treibjagd ging weiter.

"In die Tiefgarage", rief Sven Kevin zu, nachdem sie wieder vorerst aus dem Sichtfeld der anderen entkommen waren.

Sie stürzten hinunter ungesehen. Aber die anderen würden kaum ganz doof sein, wenn sie auch betrunken waren. Es war die einzige Möglichkeit in dieser Gasse plötzlich zu verschwinden.

Als sie das erste Untergeschoss erreichten, packte Sven Kevin an der Schulter und zog ihn um eine weitere Ecke, hinter der sich eine Tür verbarg.

Vorneweg stürzte er durch diese hindurch, keuchte "Nach oben!" und sprang schon die ersten Stufen hinauf.

Kevin war dicht auf seinen Fersen. Im Erdgeschoss riss Sven die Tür auf und war auch schon auf der anderen Seite.

"Hier lang!" Kevin folgte seinem Freund sofort blind nach rechts in den dunklen Gang, aber der Abstand zwischen ihnen wurde größer. Kevin war am Ende seiner Kräfte. Doch Sven war schon am anderen Ende des Gangs, wo es heller war, und er durch eine weitere Tür rannte. Aber sie durften sich nicht verlieren.

Als der Kleine selbst mehr durch die Tür gefallen war, stand er in einem rechteckigen Hof, der finster vor ihm lag. Allein die zwei, drei oberen Stockwerke der fünfstöckigen Gebäude drumherum waren beleuchtet. Das Licht von dort drang kaum bis auf den Boden herunter. Kevin hatte noch gesehen, dass Sven nach rechts gelaufen war, aber da war nichts außer Dunkelheit.

Er zögerte, aber da zischte auch schon die Stimme seine Freundes vor ihm aus der Ecke.

"Kevin! Verdammt! Komm!"

Also rannte er weiter und entdeckte, dass sich in der Ecke, kaum erkennbar, ein winziger Durchgang befand, der nach rechts führte. Dort stand auch Sven und machte hektische Bewegungen. Hintereinander eilten sie in den Gang, der keine fünf Meter lang war und dann nach links führte. Weitere zehn Meter danach mündete er auf die Straße. An der Einmündung hielt Sven kurz an und spähte hinaus. Die Luft war rein. Ebenso hinter ihnen war absolut nichts zu hören.

Dennoch hetzten sie weiter.

"Jetzt schnell nach Hause!" schoss es Kevin nur noch durch den Kopf.

So verließen sie im Laufschritt die Innenstadt. Um sie herum blieb es still. Nur von der Ferne hörten sie die üblichen Verkehrsgeräusche.

Einige hundert Meter und Abbiegungen später, bog Sven ein weiteres Mal um eine Ecke und blieb direkt dahinter stehen. Er ging in die Knie und schnaufte. Sein Freund, der nur leicht versetzt hinter ihm gelaufen waren, fiel beinah über ihn. Nur ein schneller Satz nach links verhinderte einen Zusammenstoß. Dann blieb auch er stehen, um Atem zu schöpfen.

"Komm, weiter", meinte Sven, immer noch außer Puste, nach fünf Minuten.

Kevin nickte.

Die letzten paar hundert Meter gingen sie, beständig Blicke nach hinten werfend, langsamer. Schließlich und endlich erreichten sie ihre Wohnung.

Oben angekommen fielen sich beide zitternd in die Arme. So etwas hatten sie beide noch nicht erlebt, gerade nicht in dieser, ihrer Stadt!

Einige Minuten standen sie so da, bis sich Kevin löste.

"Tee?"

Sven war einverstanden.

Kevin ging vor in die Küche, Sven folgte ihm.

Dort am Küchentisch hielt er inne. Er sah den Adventskranz vor sich. Seine Hand zuckte zur Hosentasche und zog ein Feuerzeug hervor. Mit zitternden Fingern entzündete er die Kerzen. Es war der dritte Advent.


Fortsetzung Teil 4»

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