"Schatten im Advent"

Redaktion Von Redaktion

Das zweite Adventswochenende war trist, der Himmel wolkenverhangen.Alles schien mit einem bedrückenden Grauschleier überzogen. Abgesehenvon einigen kleinen Eishaufen, die mit Kieselsteinen durchsetzt waren,war nichts vom Schnee geblieben, der in der Nacht des letzten Samstaggefallen war...

Das zweite Adventswochenende war trist, der Himmel wolkenverhangen. Alles schien mit einem bedrückenden Grauschleier überzogen. Abgesehen von einigen kleinen Eishaufen, die mit Kieselsteinen durchsetzt waren, war nichts vom Schnee geblieben, der in der Nacht des letzten Samstag gefallen war. Dem Wetter entsprechend war Kevins Laune auch.

Aber nicht nur dieses trug dazu bei, sondern gleichfalls die Gedanken über Svens plötzliches Verschwinden. Wieso war er einfach letzten Sonntag so plötzlich davon gerannt? Kevin ahnte, dass er das Thema "Weihnachten" nicht so krass hätte anschneiden dürfen. Aber wieso? Denn wie konnte er überhaupt wirklich etwas wissen, wenn sein Freund kaum ein Wort über seine Vergangenheit verlor? Wobei war es überhaupt "Weihnachten"?, kam es Kevin in den Sinn, oder nicht doch etwas anderes?

Auf jeden Fall machte er sich Sorgen. Zwar war Sven Stunden später, als es draußen schon stockfinster war, zurückgekommen. Aber das Thema Weihnachten war seitdem gestorben. Und das verletzte ihn.

Noch schlimmer war, dass er nach seiner Rückkehr nicht mal darüber gesprochen hat, was in ihm vorging. Zum ersten Mal schottete sich Sven vor Kevin emotional regelrecht ab.

Gleichzeitig kehrte quasi Normalität ein, denn auch Kevin traute sich nicht, den Vorfall anzusprechen.

So lebten sie zusammen nebeneinander her. Taten das, was sie immer taten. Sie redeten miteinander, besuchten zusammen Freunde, schauten fern, spielten Brettspiele und schliefen nachts nebeneinander ein. Sie küssten sich, kuschelten miteinander und auch alles andere war wie zuvor.

Aber Weihnachten? Vorweihnachtliche Stimmung?

Die Deko hatte Kevin erst gar nicht mehr ausgepackt. Die gebackenen Plätzchen wanderten in Dosen und diese dann in die kleine Vorratskammer. Als Sven die Wohnung betreten hatte, hatte es wie am Abend zuvor ausgesehen, bevor Kevin in der Küche losgelegt hatte. Alleine der Adventskranz blieb auf dem Tisch. Er konnte es einfach nicht übers Herz bringen, diesen auch noch wegzuräumen.

So saß er an diesem zweiten Advent in ihrer Küche und grübelte.

Vor ihm der Adventskranz, dessen zweite Kerze nun brannte. Sven selbst war an diesem zweiten Advent kurz nach Mittag aus dem Haus gegangen. Er wollte frische Luft schnappen, wie er sagte. Kevin hatte nur genickt. Ihm war es recht.

Seit einer Stunde streifte Sven nun durch die Gegend. Der Blick nur auf seine Fußspitzen geheftet. Auf den Weg achtete er nicht. Vielmehr grübelte der vor sich hin.

Eigentlich war er aus der Wohnung geflüchtet. Und wenn er über die vergangene Woche nachdachte, wurde ihm von sich selbst übel.

Noch nie hatte er so geheuchelt, noch nie sich so verstellt. Und dabei lag es ja noch nicht mal an Kevin. Es ging allein um ihn selbst. Und an wem ließ er das aus? Natürlich an der Person, die am allerwenigsten etwas dafür konnte, dass er so einen Knacks hatte.

Er rang die ganze Zeit mit sich. Er wollte doch reden! Aber jedes Mal, wenn er dazu ansetzen wollte, bekam er kein Wort heraus. Es ging nicht, es ging einfach nicht! Dabei spürte er, wie die momentane Situation an den Grundfesten ihrer Beziehung rüttelte.

Als seine Füße auf Widerstand stießen, blieb er stehen und blickte auf.

Vor ihm führten zwei Dutzend Stufen hinauf zu einem Portal. Er stand vor einer Kirche, an der er schon dutzende Male vorbeigekommen war. Seine Stirn legte sich in Falten. Was sollte er denn hier? Durch sein Kopf zog ein Zitat Marxs, der einst meinte, Religion sei Opium fürs Volk. Sollte er sich berauschen?

"Wieso eigentlich nicht? Ein betäubender Rausch hat noch niemandem geschadet", dachte er zynisch und stieg hinauf.

Die alte, wuchtige Holztür, die in das schwarz-graue Gemäuer eingelassen war, ließ sich nur schwer öffnen. Sven betrat den Kirchraum und die Tür hinter ihm fiel zu. Drinnen war es nun noch ein wenig düsterer als draußen. Nur an drei Stellen war es heller, bedingt durch die brennenden, leicht flackernden Kerzen.

Gezielt ging er auf den größten und hellsten Fleck zu, wo zwei Dutzend kleiner Wachsstummel still vor sich hin strahlten. In einem Halbkreis waren hintenherum Tannenzweige in Gefäßen gebündelt aufgestellt, die mit einigen Tannenzapfen dekoriert waren, sehr natürlich und schlicht. In der Mitte des Halbkreises allerdings und genau hinter den Kerzen stand auf einem grauen Sockel eine farblose, einfach gehaltene Madonna mit dem Jesuskindlein im Arm. Die Muttergottes hielten in der freien Hand das Zepter der Himmelskönigin, das Kind in seiner Rechten den sogenannten Reichsapfel, während sich die linke dem Betrachter entgegenstreckte. Auf beiden Gesichtern ruhte eine segensgleiche Ruhe und Heiterkeit.

Während Sven so davor stand, fanden seine Hände wie von selbst zusammen, sein Kopf neigte sich gen Brust. Er versank in einem stummen Gebet, so wie er es aus seiner frühen Jugend kannte. Dabei war er selbst von sich überrascht, dass es automatisch geschah. Eigentlich hatte er gedacht, dass ihm die Ernüchterung der letzten Jahre solche Riten ausgetrieben hatten.

Wortlose Bitten formten sich wie von selbst in seinem Kopf, Bitten um Kraft, Mut und Ehrlichkeit. Er legte sein Herz quasi wenn auch nur in Gedanken und vor sich selbst bloß.

Diese Bitterkeit, die ihn von innen heraus auffraß, sie musste heraus. Diese Erkenntnis kam ihm so langsam, während der Schein der Kerzen in seinem Gesicht flackerte. Wenn er an die vergangene Woche zurückdachte, ekelte er sich vor seiner selbst. Heuchelei pur ausgelöst durch dieses kindische Verhalten am vergangen Sonntag. Er musste es doch Kevin endlich erzählen können. Warum sich für eine Sache schämen, für die er nichts konnte? Er konnte doch nichts dafür! Oder?

Seine Seele stand kurz davor, an diesen Umständen zu zerbrechen. Nur wenn er endlich darüber reden würde, hatte er eine Chance, das zu verarbeiten, nicht? Er rang mit sich, mit seinen Bedenken. Und letztendlich fasste er sich ein Herz. Ja, doch, er würde es tun. Er musste es.

Als er die Augen wieder öffnete, war es als würde er eine bestärkende Hand auf seiner Schulter spüren. Er drehte sich um. Es war niemand da. Verwirrt verließ er die Kirche, aber mit dem festen Willen, sich Kevin zu offenbaren.

Auf direktem Weg begab er sich nach Hause.

Als er an der Tür den Schlüssel hört, fuhr Kevin auf und blickte erschrocken um sich.

Mit einer Hand strich er sich durch das Gesicht, das von den angetrockneten Tränen verklebt war. Seine Augen waren noch immer gerötet. Letztendlich hat sich der emotionale Druck, als er so vor dem Kranz saß, doch noch entladen.

Gerade als er die Nase hochzog, betrat Sven die Küche. Den durchfuhr ein Schreck, als er seinen Freund gleich einem Häufchen Elend am Küchentisch stehe sah.

Auf einmal hatte er einen Frosch im Hals, sein Mund war trocken. So ging er auf Kevin zu, öffnete seine Arme, in die Kevin nur so hineinfiel. Ein lautes, zweistimmiges Schluchzen war minutenlang das einzig wahrnehmbare Geräusch, bis Sven seinen Kopf von Kevins Schulter löste.

Er blickte auf.

"Du sollst alles erfahren", flüsterte Sven und nahm seinen Freund an der Hand, um ihn ins Wohnzimmer zu führen.

Draußen wurde es dunkel und in der Küche brannten noch still die Kerzen vor sich hin. Wie ein vielsagendes Lächeln hing ihr Schein im Raum, so als würde er von einer guten Zukunft künden. Der zweite Advent neigte sich dem Ende.



Fortsetzung Teil 3»

dbna.newsletter
Bleibe immer up-to-date.
Abonniere unseren wöchentlichen Newsletter!
Weitere Quellen: dbna