"Schatten im Advent"

Redaktion Von Redaktion

Dunkelheit hüllte ihn ein, wie eine schwere Decke. Im Arm seines Freundes, lag Sven still im Bett und beobachtete durch das Fenster wie sich langsam Wolken vor den Vollmond schoben...

Dunkelheit hüllte ihn ein wie eine schwere Decke. Im Arm seines Freundes, dessen ruhiger, gleichmäßiger Atem ihn im Nacken kitzelte, lag Sven still im Bett und beobachtete durch das Fenster wie sich langsam Wolken vor den Vollmond schoben. Und noch bevor das letzte Licht verdeckt wurde, blitzte etwas am Nachthimmel leicht und mehrfach auf. Es begann zu schneien.

"Noch vier Wochen, dann ist Heilig Abend", dachte Sven.

Vor seinem inneren Auge stiegen Erinnerungen an sein letztes Weihnachten auf. Schnell verdrängte er diese dunklen Gedanken und kuschelte sich enger an Kevin. Während dicke Schneeflocken begannen die Wiese und die Bäume vor dem Haus in Unschuld zu hüllen, schlief er ein.

Der Geruch von Kaffee drang sanft in seine Nase und lockte ihn zärtlich in den neuen Tag.

Sven räkelte sich sachte, langsam doch der Platz neben ihm war leer. Tief atmete er ein und entdeckte noch weitere Gerüche, die mit dem des Kaffees harmonierten. Vorsichtig witternd wie ein Wolf zog er die Luft ein, um sie zu filtern. Schnell erschnupperte er so Zimt, Vanille und den Duft von warmen Äpfeln.

Mit den Füßen voran, die wie von selbst n die Hausschuhe schlüpften, glitt er aus dem warmen Nest. In einer fließenden Bewegung griff er noch nach einem Oberteil. Zwar war die Verlockung groß, noch länger liegen zu bleiben, aber wie von einer unsichtbaren Leine gezogen bewegten sich seine Beine in Richtung Küche, die der Ursprung dieser göttlich verlockenden Düfte seien musste.

Mit noch etwas zerknautschem Gesicht schlappste er durch die Wohnung.

Immer intensiver wurden die Aromen und als er die Küche, das Herz ihres kleinen Heims, erreichte, war er darin eingehüllt wie in eine wollene Decke.

Ohne sich umzudrehen, rief ihm Kevin ein fröhlich freches "Na, meine Schlafmütze, auch schon wach?!" zu.

Sven grinste verschlafen und ließ sich auf seinen Stammplatz plumpsen.

Jeden Morgen aber vor allem an solchen Wochenenden überfiel ihn ein wollig warmer Schauer, wenn er daran dachte, wie schnell sie sich hier als Team eingespielt hatten.

"Wobei, eingespielt? Was heißt hier eingespielt?", fragte sich Sven in Gedanken. "Es war doch vom ersten Morgen an so."

Seit einem halben Jahr waren sie zusammen und jeden Morgen war ihm sein zwei Jahre jüngerer Freund zwei Schritte voraus und umhegte ihn. Faktisch zusammengezogen waren sie recht schnell. Dabei erschreckte diese Geschwindigkeit Sven doch irgendwie immer wieder.

Nun saß er am Tisch und vor ihm stand schon eine große, dampfende Tasse schwarzen Goldes. Diese Zeittreffer waren Sven fast schon unheimlich. Jedes Mal schien Kevin zu ahnen, wann er in der Küche erscheinen würde.

Schräg vor dem großen Becher stand ein Teller mit einem noch dampfenden Apfel gefüllt mit Rosinen und Nüssen. Und in der Mitte des Tischs stand ein Adventskranz, dessen erste Kerze brannte.

"Ist das nicht ein wenig früh für weihnachtliche Kost?" fragt er Kevin spitz.

"Ich kann sie auch der Katze geben, die ist wenigstens nicht so spitzfindig", kam es prompt zurück.

Dabei wusste Kevin genau, wie sehr sich Sven auf das erste Adventswochenende gefreut hatte, an dem die Vorweihnachtszeit im Gegensatz zu der weihnachtlichen Supermarkteuphorie bei ihnen erst eingeläutet werden sollte mit Plätzchen, Bratäpfeln und Punsch. Letzteren sollte es dann am Abend geben.

Die wenigen Male, die sie über Dezember, Weihnachten und das ganze Brimborium gesprochen haben, hatten Svens Augen immer angefangen kindlich zu leuchten. Kevin hatte sich das gemerkt und heimlich Pläne für das erste Adventswochenende geschmiedet. Die Überraschung war geglückt auch wenn man Bratäpfel natürlich eigentlich erst abends aß. Aber Sven konnte rund um die Uhr alles essen. Ein Zufall, der Kevin die Vorbereitungen erleichterte.

Und besser hätte es nicht kommen können: Über Nacht hatte es geschneit, der Schnee war liegen geblieben und alles strahlte nun in klarem Weiß. Das war einfach die perfekte Atmosphäre zur Einstimmung auf Weihnachten, auch wenn das jetzt doch noch vier Wochen hin war.

Während Kevins Gedanken so vorüber zogen, wuselte er weiter durch die Küche. Fertige Plätzchen aus dem Ofen, neues Blech hinein. Die Vielfalt war für Sven, der das alles erst langsam wahrnahm, überwältigend.

Keine fünf Minuten später saß Kevin dann bei seinem Freund am Tisch. Gemeinsam aßen sie die Bratäpfel, die vor ihnen standen, tranken Kaffee beziehungsweise Tee Kevin konnte sich an den bitteren Geschmack einfach nicht gewöhnen.

Sven warf seinem Freund verliebte Blicke zu, zog den einen Hausschuh aus und begannt mit dem nackten Fuß an Kevins Beinen entlang zu fahren.

Der versuchte sich nicht aus der Ruhe bringen zu lassen, auch wenn sein Gegenüber ihn noch so frech angrinste. Irgendwie gelang es ihm auch, das durchzuhalten, bis er ohne zu schlingen sein Frühstück verspeist hatte. Dann sprang er auf, sprang schnell hinter seinen Freund, der sich gerade in diesem Moment sein letztes Stück warmen Apfel in den Mund schob. Noch mit der Gabel im Mund wurde Sven hochgezogen und ins Bad geschoben.

"Beeil dich!", drängte Kevin, "ich will raus an die frische Luft!"
Die Tür fiel hinter ihm zu und Sven glotzte blöd. Frische Luft und Kevin?!? Sonst musste er doch seinen jungen Freund fast schon treten, damit sie mal einfach so hinausgingen ohne festes Ziel.

Ein Blick aus dem Fenster klärte alle Fragen. Erst jetzt registrierte Sven den frisch gefallenen Schnee, der in der Sonne glitzerte. Seine darauf folgenden Tätigkeiten in Sachen Morgenwäsche wurden nun um ein vielfaches beschleunigt.

Keine fünfzehn Minuten stand er wieder im Schlafzimmer, um sich inseine Winterklamotten zu schmeißen. Dick anziehen war angesagt. Nochmalfünf Minuten später stand er mit Mütze auf dem Kopf, Schal um den Halsund Winterstiefeln an den Füßen in der Küchentür, um mit dem Füßen zuscharren.

"Ruhig, Brauner, ruhig!" Kevin lachte.

Er hatte gerade begonnen die Küche aufzuräumen und das Chaos irgendwiehalbwegs zu bändigen. Teilweise war ihm das auch geglückt, zumindeststapelte sich jetzt das schmutzige Geschirr neben dem Waschbecken. DerTisch war wieder frei geräumt, aber Brösel lagen noch überall verstreut.

Dennoch ließ Kevin den Lappen Lappen sein und kehrte der Küche denRücken zu. Für den Rest war später noch Zeit. Die Adventskerze auf demTisch ließ er brennen, länger als eine Stunden würden sie ja nicht wegsein. Bevor er die Küche verließ, kippt er noch schnell das Fenster,damit die angestaute Hitze abziehen konnte.

Dann schnappte Kevin sich seine Winterjacke von der Garderobe und schlüpfte schnell in seine gepolsterten Schuhe.

Ab gings ins Weiße, wofür sie erstmal über die Treppe fünf Stock tiefer mussten. Aber mit jedem zurückgelegten Höhenmeter stieg die Euphorie.

Unten an der Haustür angekommen griff Sven Kevin an der Hand und zog ihn mit nach draußen auf die Wiese vor dem Haus.

Wie junge Hunde tollten sie durch den Schnee.

Als Kevin sich plötzlich fallen ließ, zog er seinen Freund gleich mit.Der warf sich auf den kleineren und rollte ihn durch den Schnee. Soging das eine ganze Weile, bis sie ganz außer Atem nebeneinander liegenblieben und in den klaren blauen Himmel blickten. Die Sonne warf warmeStrahlen auf sie.

Gleichzeitig stieg ihr schneller Atem in kleinen Wölkchen auf.

Sven war überglücklich.

Doch genau in dem Moment brach Kevin die Stille.

"Genau so muss es sein."

"Ja, stimmt."

"Ich habe mich so auf diese Zeit gefreut, weißt Du das, Sven?"

"Natürlich weiß ich das."

"Und in vier Wochen..." Kevin ließ die Worte im Raum stehen.

Sven hatte auf einmal einen unangenehmen Kloß im Hals, er versuchte zu schlucken. In vier Wochen, dann war... Nein, daran wollte er nicht denken, nicht jetzt.

Schnell wollte er etwas sagen. Er ahnte, dass sonst Kevin das aussprechen würde, was er nicht aber hören wollte. Selbst das Räuspern, zu dem er ansetzte, gelangt ihm nicht. Sein Hals war wie zugeschnürt. Süßer Speichel sammelte sich in seinem Mund. Ihm wurde übel.

"Und in vier Woche, dann feiern wir beide Weihnachten zusammen mit unseren Familien."

Sven kam es so vor, als würde sein Freund das letzte Wort regelrecht ausspeien. Und das wollte er selbst auch, zumindest drehte sich sein Magen.

Sven sprang auf, eilte blind davon, Tränen rannten seine Wangen hinunter.

Kevin aber konnte das nicht sehen. Perplex blieb er liegen und starrte hinterher. Ein kräftiger Windstoß wehte ihm ins Gesicht.

Einige Meter über ihm drang dieser durch das gekippte Fenster in die Küche ein. Noch ein kurzes Flackern und die Kerze erlosch.
 

Fortsetzung Teil 2»

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