Schwule Superhelden

Redaktion Von Redaktion

Was machen Batman und Robin in der Bat-Höhle? Das blieb stets im Verborgenen. Denn Superhelden sind nach außen vollkommen heterosexuell - zumindest meist. Es gibt neuerdings auch einige schwule Ausnahmen.

Die Comicwelt ist auf den ersten Blick ziemlich hetero: Peter Parker klebt mit Mary Jane knutschend im Spinnennetz, Superman trägt Lois Lane durch die Lüfte, Micky Maus hat Minnie selbst der fette Garfield treibt sich öfters mit Katzendame Arlene rum. Wo sind die schwulen Comicfiguren? Wo ist der schwule Spider-Man, der seinen Angebeteten kopfüber vom Dach hängend küsst? Oder der schwule Comic-Erpel, der Hand in Hand mit seinem Freund die Straßen von Entenhausen entlang watschelt? Klar, da gibt es Ralf Königs zynische Homo-Knollennasen, aber das darf doch nicht alles sein. Ist es auch nicht. Man muss nur ein wenig suchen und es finden sich mehr schwule Comicfiguren als gedacht.

Schwule Mutanten und Homo-Heldenpaare
Nehmen wir das einst ziemlich homophobe Superheldengenre: Hier hat sich in den letzten Jahren einiges getan. Während früher höchstens darüber gewitzelt wurde, dass Batman und Robin es in der Bathöhle treiben würden, turnen heute wirklich ein paar schwule Helden über die Großstadtdächer. Da wäre zuerst einmal Northstar, ein kanadischer Mutant, der unter anderem in den "X-Men"-Comics auftaucht. Northstar kam die Ehre zuteil, sich als erster Comic-Superheld als homosexuell zu outen und zwar nicht klassisch am Küchentisch, sondern inmitten eines Kampfes - drama, baby!

In die überaus erfolgreichen "X-Men"-Filme hat es Northstar leider nicht geschafft. Dafür ist im zweiten und dritten Film der stählerne Colossus dabei. Und von diesem existieren zwei Comicversionen: zum Einen der heterosexuelle Colossus in den klassischen "X-Men"-Comics, zum Anderen ein homosexuell liebender Colossus in der Serie "Die Ultimativen X-Men", die mit dem Ziel gestartet wurde, die Mutantenbande gehörig zu modernisieren. Ein schwuler Held durfte da nach Meinung der Autoren nicht fehlen. Netter Schachzug dabei ist vor allem, dass es hier ausgerechnet der muskelbepackte russische Koloss ist, der sich als männerliebend outet. Nachdem Colossus anfangs noch ein Auge auf - wer könnte es ihm verdenken - seinen Teamgefährten Wolverine wirft, beginnt er in späteren Ausgaben dann eine Beziehung mit dem oben erwähnten Northstar.

Wer wissen möchte, wie sich Superman und Batman als Paar machen würden, sollte einen Blick in Serie "The Authority" wagen. Die dort auftretenden Helden Apollo und Midnighter sind nämlich so etwas wie die brutaleren Varianten der beiden Comicikonen - und führen eine langlebige Beziehung. Ein weiteres schwules Heldenpaar erdachte Allan Heinberg (bekannt als Drehbuchautor der TV-Serien "Greys Anatomy" und "O.C. California") für die Comicserie "Young Avengers": Die Teenager-Superhelden Hulkling und Wiccan, die origineller Weise mehr Angst davor haben, ihren Eltern ihre Superheldeneskapaden zu beichten als ihr Schwulsein.

Dürfen Helden schwul sein?
Doch so vielversprechend diese Beispiele klingen mögen, noch ist nicht alles rosig und selbstverständlich im Superheldengenre. Selbst unter den Comicmachern werden Homo-Helden nicht durchweg akzeptiert. Ein aktuelles Beispiel: Als sich kürzlich in einer Ausgabe der Serie "X-Factor" die Helden Rictor und Shatterstar küssten, protestierte der Comiczeichner Rob Liefeld, der Shatterstar einst im Auftrag des Verlags Marvel Comics erschaffen hatte: "Shatterstar ist nicht schwul. Ich kann es kaum erwarten, das eines Tages wieder rückgängig zu machen. Er ist ein Krieger [] und zwar kein schwuler." Doch das konterte der verantwortliche Autor Peter David gewitzt: "Das ist die gleiche Reaktion, die manche Eltern an den Tag legen. Sie waren schließlich ursprünglich mal für ihre Kinder verantwortlich und wenn sie dann über deren sexuelle Orientierung aufgeklärt werden, sind sie zuerst vollkommen überzeugt, dass das unmöglich sei. Ich finde vor allem Robs Behauptung unglücklich, dass Shatterstar nicht schwul sein könne, weil er ein Krieger ist. Das hätte Alexander den Großen wohl ein bisschen erstaunt."

Davids Antwort steht stellvertretend für eine wachsende Anzahl von Comickünstlern und auch Verlagsredakteuren, die dem Thema mittlerweile recht aufgeschlossen gegenüberstehen. Aber ein schwuler Held vom Format eines Spider-Man, Batman oder Iron Man mit eigener erfolgreicher Comicserie und millionenteurer Filmadaption ist dennoch nicht in Sicht. Bisher werden die schwulen Helden wie auch ihre lesbischen Kolleginnen meist in der zweiten Reihe bzw. einem größeren Team versteckt. So viel Toleranz traut man den Lesern anscheinend doch noch nicht zu.

Das volle Programm: Anspruchsvolles und Softpornos
Abseits der Superheldencomics sind jedoch auch ein paar schwule Hauptfiguren zu entdecken und zwar in den unterschiedlichsten Comicarten. Da gibt es zum Beispiel die 2009 gestartete Serie "Damian & Alexander" des Berliner Künstlers tiló alias Thilo Krapp, in der die beiden schwulen Titelhelden gemeinsam Abenteuer im humorvollen Stil frankobelgischer Comics wie "Tim & Struppi" erleben. Die Zeichnerin Naomi Fearn hingegen hat für ihren Comicstrip "Zuckerfisch" ein knuffiges Homo-Paar, bestehend aus einem sprechenden Hasen und einem Kaninchen erdacht. Ganz andere, ernstere Kost bietet der Comicband "Muchacho" über einen jungen katholischen Priesteranwärter im Nicaragua der 1970er, der sich in den Wirren des Bürgerkriegs in einen Revolutionär verliebt. Anspruchsvoll ist auch der mit Kritikerlob überhäufte autobiografische Comicroman "Fun Home" von Alison Bechdel, in dem sich die lesbische Künstlerin mit der versteckt gehaltenen Homosexualität ihres Vaters auseinandersetzt.

Neben Comics für den Massenmarkt richten sich einige Veröffentlichungen auch speziell an schwule Leser. Viele davon, wie "Black Wade The Wild Side of Love" vom italienischen Künstlerduo Franze und Andärle, "Joe Boy" von Joe Phillips oder "Durch dick und dünn: Tagebuch eines Kleinstadtjungen" von Mioki bieten jedoch nur schöne Bilder von perfekten und meist nackten Männerkörpern im Rahmen hauchdünner Alibistorys und sind oft eher Comic-Softpornos als richtige Geschichten. Positiv aus der Reihe fällt hier der belgische Comiczeichner Tom Bouden, der zwar ebenfalls gerne Erotisches zeichnet ("In Bed with David & Jonathan", "Queerville"), aber auch die sympathische Coming-Out-Geschichte "Max & Sven" (bisher nur auf Englisch erhältlich) und eine schwule Comicvariante von Oscar Wildes Theaterstück "The Importance of Being Earnest" vorgelegt hat.

Schwule Comics nicht für schwule Leser?
Japanische Comics können mit den sogenannten Boys-Love-Manga (oft als BL abgekürzt) sogar ein ganzes Genre vorweisen, dass sich nur um am gleichen Geschlecht interessierte Jungs und junge Männer dreht. Mag toll klingen, der Knackpunkt dabei ist aber: Die Geschichten werden so gut wie ausschließlich von Mangakünstlerinnen für Leserinnen im Teeniealter kreiert. Es sind also überwiegend romantische Mädchenfantasien über furchtbar süße Typen, die andere furchtbar süße Typen mögen. Als schwuler Leser stört man sich hier schnell an den stereotypen Figurenkonstellationen, die oft aus einem männlichen, aggressiven Seme und einem soften, femininen Uke bestehen, den meist ziemlich realitätsfernen Storys sowie den allzu androgyn gezeichneten Elfenkörpern. Wer damit leben kann, hat mit manchem BL-Manga vielleicht aber doch seinen Spaß, denn viele zeichnen sich auch durch eine Portion abstrusen Humor und Selbstironie aus. Neben zahllosen japanischen Boys-Love-Comics wie "Desire", "Yellow" und "Küss mich, Student!" gibt es mittlerweile auch deutsche BL-Manga wie "Stupid Story" oder "Musouka".

Und wie lautet das Fazit dieses kleinen Crash-Kurses in Sachen schwule Comicfiguren? Schwulsein in Comics wird noch lange nicht so gleichberechtigt und selbstverständlich dargestellt, wie es sollte. Aber andererseits gibt es durchaus guten Lesestoff mit schwulen Protagonisten und die Akzeptanz dieser Figuren steigt zunehmend. Fehlt nur noch das weltweit erfolgreiche schwule Gegenstück zu Spider-Man. Vielleicht fühlt sich ja jemand, der das hier liest und über zeichnerisches Talent verfügt, nun inspiriert

Der Autor Andreas Völlinger gewann mit seinen Artikeln "Schwule Hasen und echte Mädels" und "Voll schwule Superhelden" für das Onlinemagazin Comicgate den Sonderpreis des Felix-Rexhausen-Preises 2009. Der Preis wird jährlich vom Bund Lesbischer und Schwuler Journalisten (BLSJ) für herausragende Beiträge zu homosexuellen Themen verliehen.

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Weitere Quellen: Apollo, Midnighter © DC Comics Colossus, Wiccan, Hulkling, Northstar, Rictor, Shatterstar, Wolverine © Marvel Comics Young Avengers Cover © Panini Comics Damian & Alexander © Epsilon Verlag Zuckerfisch © Zwerchfell Verlag Max & Sven © Green Candy Press In Bed with David & Jonathan, Queerville © Bruno Gmünder Verlag Muchacho, Desire © Carlsen Verlag Musouka © Ehapa Manga & Anime Stupid Story © Tokyopop