Schwuler Jet Set: Remeurs Sünden

Fabian Schäfer Von Fabian Schäfer
Schwuler Jet Set: Remeurs Sünden
Detlef Grumbach / Mit freundlicher Genehmigung des Männerschwarm Verlags

Jean Remeur lebt in der Welt und genießt sein aufregendes Leben. Der stilvolle Fünfzigjährige berichtet von seinem ersten Mal an einem Strand, Stricherjungs in Paris oder anonymem Sex in Londoner U-Bahnhöfen. Für seine Geschichten findet er wundervolle Worte ganz ohne Fremdschäm-Faktor.

Ein namentlich nicht genannter Patient kommt ins Krankenhaus. Mehrbettzimmer, aber anfangs der einzige Patient im Raum. Nach zwei Tagen dann kommt Herr Mellenthin dazu - und beginnt zu erzählen.

Damit beginnt die Handlung in der Handlung: Er erzählt von Jean Remeur, einem deutschen Journalisten, der in Paris wohnt, aber in der Welt lebt. Remeur ist etwa 50 Jahre alt, homosexuell und kleidet sich stilvoll. Damit hat er erstaunlich viele Gemeinsamkeiten mit dem Autor, Hans Scherer, der lange Zeit Kultur- und Reisejournalist bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung war. Scherer ist ein begnadeter Autor, der wundervolle und elegante Worte für seine Beschreibungen findet, seien es Altbauhäuser in Paris, Klappen für den schnellen und anonymen Sex in der Waterloo Station in London, abgelegene Waldstücke bei Düsseldorf, die als Cruising Area dienen, Stricherjungs in Pariser Szenekneipen oder sein erstes Mal am Strand von Norderney.

Entweder hat Scherer all diese Orte selbst besucht, die Welt bereist und erlebt, oder er lebt in diesem Buch seine Sehnsüchte aus - oder aber es ist eine Mischung aus Fakten und Wunschdenken. Wie es auch sei, seine gehaltvolle, ehrliche und filigran beschreibende Sprache macht den Roman zu dem, was er ist, nämlich einem lesenswerten Buch. So unaufdringlich, wie Orte beschrieben werden, lebt der Leser das Leben von Jean Remeur mit, fühlt sich als sein ständiger Begleiter. Ist bei Treffen mit Verlegern in schicken Restaurants dabei, genauso wie bei Ausflügen in die Amsterdamer Lederszene. Es ist diese Mischung zwischen federleicht-poetischen Orten und genauso detailliert beschriebenen Sexszenen, die den Reiz des Buches ausmachen. Obwohl von Remeurs Erlebnissen in Klappen oder mit Strichern so authentisch berichtet wird, driftet der Roman nie ins Lächerliche ab; er ist keiner der Sorte "sex sells" - keine Spur von Fremdschämen wie bei "Feuchtgebiete" oder "Shades of Grey". Die sexuellen Teile sind so natürlich eingebunden, dass sie weder die Hauptrolle einnehmen noch aufgesetzt wirken.

Detlef Grumbach / Mit freundlicher Genehmigung des Männerschwarm Verlags

Der Roman gewährt Einblicke in einen schwulen Lebensstil, der heute zunehmend verschwindet. In Zeiten von Internetportalen und Handy-Apps erscheinen Cruising Area und als Klappen bekannte Toiletten eher als Auslaufmodell. Remeur lebte schließlich in einer anderen Zeit, seit der sich vieles geändert hat. Nicht zu emotional, eher sachlich-nüchtern wird vom Aufkommen von HIV/Aids erzählt; diese und andere Krankheiten treffen schließlich auch Freunde und Bekannte. Hierzu hat der Weltenbummler Remeur seine ganz eigenen Ansichten, die er zwar kurz, aber einleuchtend herleitet. Wer sein Leben lang ohne weitere Vorsicht seine sexuellen Begierden ausleben kann, wehrt sich gegen das Gefühl der Angst vor schlimmen Krankheiten. Seine Lust an der Lust will er sich durch die aufkommende Panik nicht zerstören lassen, dennoch wird auch er vorsichtiger.

Jedes Kapitel beginnt im Krankenzimmer: Diese stark reduzierte Handlung dient aber lediglich Überleitungen zu den Erzählungen vom Patienten Mellenthin über Remeur, einen stolzen Schwulen, der das Leben in vollen Zügen genießt und nichts bereut, um bei seinem Tod auf Sätze wie "hätte ich doch nur " oder "was ich noch immer machen wollte " verzichten zu können.
Der Männerschwarm Verlag hat mit "Remeurs Sünden" ein Buch in sein Programm aufgenommen, das eigentlich schon 1997 erschien. Was für ein Glücksfall, denn so kann das überaus gelungene Werk ein Publikum erreichen, das vor 15 Jahren noch zu jung für das Buch war.

Hans Scherer, "Remeurs Sünden", 207 Seiten, Männerschwarm Verlag, 16 Euro.

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Weitere Quellen: Männerschwarm Verlag