Sehn-Sucht

Redaktion Von Redaktion

Robert führt das perfekte Leben: Er ist jung, sieht gut aus und ist mit seinem eigenen Tonstudio so erfolgreich, dass er sich um Geld keine Sorgen machen muss. Aber der Schein trügt, wie so oft im Leben.

Robert führt das perfekte Leben: Er ist jung, sieht gut aus und ist mit seinem eigenen Tonstudio so erfolgreich, dass er sich um Geld keine Sorgen machen muss. Aber der Schein trügt. Roberts Psyche ist enorm angeknackst. Als Kind wurde er regelmäßig von seinem Vater missbraucht. Seitdem ist er nicht fähig, zwischenmenschliche Beziehungen jenseits der geschäftlichen Ebene zu führen. Seine Wohnung und sein Tonstudio verlässt er nur im äußersten Notfall, wenn er Geld, Essen oder Zigaretten braucht. Als soziale Umgangsform nutzt Robert den Chat, weil er dort die Kontrolle über das Gespräch behält.

Noch schwerer als der Umgang mit seinen Mitmenschen fällt ihm der persönliche Kontakt. Aber er sehnt sich nach körperlicher Nähe, die er im Internet nicht finden kann. Er probiert es mit Cybersex, aber das macht ihm keinen Spaß. Robert fühlt sich danach schmutzig und geschriebene Worte können körperliche Nähe nicht ersetzen. Wie kann er es schaffen, richtigen Sex zu haben, ohne sich emotional auf seinen Partner einzulassen? Er hat eine zündende Idee: Ein Callboy muss her. So lernt er Daniel kennen. Daniel sieht gut aus, ist sozial integriert, aber kann sich finanziell kaum über Wasser halten.

Die beiden schlafen miteinander. Und obwohl das Treffen für Robert zum sexuellen Fiasko wird, kreisen seine Gedanken immer wieder um den Callboy. Es passiert genau das, was Robert verhindern wollte: Er entwickelt Gefühle, möchte Daniel wieder sehen und trickst sich dabei selbst aus. Er bietet Daniel Geld für ein Treffen ohne Sex an. Dann ist es kein privates Treffen, sondern ein geschäftliches Verhältnis. Mit denen kann Robert gut umgehen.

Daniel hingegen ist persönlich an Robert interessiert, er will ihn kennen lernen und sich nicht von ihm aushalten lassen. Bei einer derart brüchigen Konstellation ist eine Krise vorprogrammiert und trotz aller Gefühle, welche die beiden füreinander haben, kommt es zur Eskalation.

Der Leser gerät in einen Teufelskreis

Der Roman "Sehn-Sucht" von Benjamin Schulze schildert eindringlich die verwirrende Gedankenwelt eines Menschen, der in seiner Kindheit missbraucht wurde. Roberts bewegende Geschichte reißt den Leser mit in einen Teufelskreis, in dem sich auch Robert befindet. Und so wenig wie Robert einen Ausweg findet, kann der Leser aus diesem Teufelskreis ausbrechen. Am Ende des Buches bleibt ein Gefühl von absoluter Hilflosigkeit und tiefen Mitleids zurück. Der Leser möchte Robert helfen. Aber wie soll man jemandem helfen, der sich nicht helfen lassen will?

"Sehn-Sucht" ist sicherlich keine leichte Kost. Aber absolut lesenswert!

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Weitere Quellen: Himmelstürmer