Shōnen Ai

Redaktion Von Redaktion

Mangas, Animes und Shōnen Ai? Was verbirgt sich hinter dieser Begriffsvielfalt? Gibt es da auch etwas für junge Schwule? Und wer liest überhaupt so etwas? Diesen Fragen ist dbna für Euch nachgegangen.

Naoyuki ist 16 und wird von seinen Eltern daheim hinausgeworfen, weil er ein Mädchen geschwängert haben soll. So muss er in die Verbannung zu seinem schwulen Onkel, der als Hausverwalter einer Pension auch für den gleichaltrigen Yashiro verantwortlich ist. Als Naoyuki an seinem ersten Abend Yashiro weinen sieht, ist es um ihn geschehen. So beginnt sein Kampf um das Herz dieses Jungen.

"Oasis Project", so der Titel dieser Geschichte, die zwischen Dramatik und Humorismus pendelt, gehört zu einer Sorte japanischer Comic, die sich auch in Deutschland immer größerer Beliebtheit erfreut.

Hört man von japanischen Comics, fallen den meisten sofort bekannte Zeichentrickserien wie Sailormoon, Pokémon oder Yu-Gi-Oh ein. Die so genannten Mangas. Oder Moment, waren das Animes? Spätestens hier beginnt die Verwirrung der Begriffe. Was ist eigentlich ein Manga? Und wie lässt sich in all dem Gewusel nun eine schwule Liebesgeschichte einordnen?

Manga ist erster Linie der japanische Begriff für Comic. Darunter lässt sich alles von kurzen Comic-Strips, statischen Bildergeschichten bis hin zu Zeichentrickfilmen einsortieren. Das macht das ganze sehr unübersichtlich, weswegen sich zur Differenzierung neue Begriffe - z.B. Anime für die Zeichentrickserien - herausgebildet haben. Die restlichen Bezeichnungen sind im Zusammenhang mit der jeweiligen Zielgruppe entstanden. So gehört "Oasis Project" in die Kategorie "Shōnen Ai".

Übersetzt ins Deutsche bedeutet Shōnen Ai so etwas wie "Jungenliebe". In Japan selbst spricht man allerdings inzwischen von "Boys Love" anstatt von Shōnen Ai, um Verwechslungen mit Päderastie und Pädophilie auszuschließen. Im internationalen Gebrauch hat sich aber der originäre japanische Begriff als Bezeichnung durchgesetzt und wird auch im Deutschen verwendet.

Eines haben alle Shōnen Ai gemeinsam: Es geht um die (sich entwickelnde) Liebe zwischen zwei männlichen Hauptcharakteren im Alter von 14 bis circa 25 Jahren. Der Fokus liegt dabei auf Emotionen und Beziehungen, weniger auf Sexualität. Mangas, bei denen der Sex zwischen zwei Jungen im Vordergrund steht, werden als Yaoi bezeichnet.

Die Anfänge von Shōnen Ai sind in den 1970er Jahren in der Heimat des Mangas zu finden. Langsam aber sicher verbreitete sich das Phänomen dann weltweit und fasste auch in Deutschland im Jahre 2000 mit der Veröffentlichung der Serie "Zetsuai" Fuß. Das Überraschende: Hier wie auch in Japan werden die Comics hauptsächlich von Mädchen und jungen Frauen gelesen.

Warum ist das so? Ein Grund mag vor allem darin zu finden sein, dass Shōnen-Ai-Mangas selbst hauptsächlich von Frauen gezeichnet werden. Mit ihrer Tätigkeit versuchen diese Künstlerinnen, aus dem gesellschaftlich vorgeschriebenen Rollenklischee der Frau auszubrechen. Dieses Motiv trifft ebenso auf die Leserinnen zu. Eine andere These wird von der deutschen Mangaforscherin Jacqueline Berndt aufgestellt. Sie vermutet, dass die Lektüre von Shōnen-Ai-Mangas eine Befriedigung der Sehnsucht der Leserinnen nach einem seelenverwandten Pendant bewirkt. Damit wäre die schwule Liebe ein Sinnbild für das Bedürfnis nach einer Zwillingsschwester, die in Idealvorstellung die eigenen Gefühle und Emotionen versteht und erwidert.

Aber nicht nur Frauen, sondern auch schwule Jugendliche wie Michael (24) interessieren sich für Shōnen Ai. Der angehende Jurist und Referent des Autonomen Schwulenreferats der Ruhr-Universität-Bochum ist leidenschaftlicher Sammler, der vor gut zwei Jahren seine Liebe zu Mangas entdeckt hat.

Für die weibliche Seite ist Emily Hesse (24) ein bemerkenswertes deutsches Beispiel. Sie ist nicht nur langjähriger Shōnen-Ai-Fan, sondern selbst inzwischen "Mangaka", das heißt, sie zeichnet und schreibt eigene Geschichten, die vom FIREANGELS-Verlag herausgegeben werden. Sie selbst kann ihre Zuneigung für Shōnen Ai nur schwer in Worte fassen. "Diese Liebe wirkt so rein, da sie dem Willen und der Erziehung der Gesellschaft und Natur trotzt, ganz einfach ehrlich und unverfälscht ist", sagt sie mit einem Glanz in den Augen.

Michael gefällt allgemein das "Schwulsein" in diesen Mangas. "Die Geschichten machen träumerisch, wärmen das Herz und erinnern an wahre Liebe", schwärmt er. Auch sei es für ihn sehr schön, als West-Europäer in die japanische Kultur abzutauchen, um aus dem Alltag zu fliehen.

Obwohl die vordergrundige Thematik bei Shōnen Ai immer dieselbe ist, findet man große künstlerische und inhaltliche Unterschiede. Während das eine Paar schnell zusammenfindet und danach Alltagsprobleme durchstehen muss, finden in anderen Erzählungen die Hauptcharaktere erst am Ende, nach Überwindung vieler Hindernisse, ihr Glück. So handelt Emilys erste Kurzgeschichte "Sen" zum Beispiel von zwei Samurai in der japanischen Vergangenheit.


Beim Entwerfen eines Mangas nimmt Emily ihre Ideen nirgendwo und überall her. "Einflüsse können von einem Film kommen, einem Fremden in der Fußgängerzone, einem besonderen Kleidungsstück oder von der Haltung einer Person in einem Modekatalog Hauptsache, es ist etwas Ungewöhnliches", führt sie aus.

Schwule Paare kennt sie keine und hat auch sonst keine schwulen Freunde. Sie habe nie das Bedürfnis gehabt, hinter die Kulissen schwuler Beziehungen zu blicken. "Ich denke, sie haben ihre Probleme, wie jedes andere heterosexuelle Paar auch", stellt Emily nüchtern fest.

Auf die Frage, wie sie dazugekommen sei, eigene Mangas zu entwerfen, erklärt sie, dass Zeichnen für sie schon immer eine unerklärliche Leidenschaft gewesen sei, ebenso wie Geschichtenerzählen. "Im Manga kommt beides zusammen. Im Gegensatz zu gewöhnlichen Comics stehen beim Manga die Charaktere und deren psychische und emotionale Entwicklung im Vordergrund." Darüber hinaus gäbe es keine Tabus - aber grenzenlose Möglichkeiten. "Ich habe daran geglaubt, dass auch ich Mangageschichten erschaffen kann, die andere Leute interessieren", betont sie und kann mit ihren Veröffentlichungen ihren Erfolg unterstreichen.

Der Weg dahin war aber hart und steinig für sie. Begonnen hat sie mit sechzehn als Hobby-Mangaka. Bei "Animexx" ließ sie ihre ersten Zeichnungen dann bewerten, was sie nicht nur motiviert, sondern auch verbessert habe, erklärt sie. Sieben Jahre vergingen, bis sie sich bei FIREANGELS bewarb. Das war für sie eine harte Zeit, denn neben ihrem Studium musste sie einen Monat lang sechs bis sieben Stunden täglich zeichnen, um den Abgabeschluss auch einhalten zu können. Sie gesteht aber reumütig ein, dass sie die Arbeit bei ihrer Bewerbung gnadenlos überschätzt habe, vor allem weil sie recht spät dran gewesen sei ein typischer Anfängerfehler. Dennoch berichtet sie stolz: "Die jahrelange Übung und meine Niemals-Aufgeben-Moral haben sich gelohnt."

Allerdings brauchen Mangaka wie Emily auch Käufer. Als junger Schwuler, vielleicht noch ungeoutet, kann man Bedenken haben, solch eindeutige Literatur zu erwerben. Die Frage, ob er Hemmungen beim ersten Kauf eines Shōnen Ai gehabt habe, verneint Michael aber. Das sei schon nach seinem Outing gewesen. Er finde es aber im Nachhinein schade, dass er erst nach seinen Selbstfindungsproblemen auf Shōnen Ai gestoßen sei. "Ich glaube fest daran, dass die Geschichten dabei helfen können, herauszufinden, wer man selbst ist, indem man die Protagonisten auf ihrem Weg zu sich selbst begleitet." So sind diese Comics vielleicht nur nur pure Unterhaltung, sondern können auch Mut machen.

dbna.newsletter
Bleibe immer up-to-date.
Abonniere unseren wöchentlichen Newsletter!
Weitere Quellen: Bilder: photocase.com, amazon.de