Verbotene Lieben

Fabian Schäfer Von Fabian Schäfer
Verbotene Lieben
querverlag

"Die Schützen" erzählt die Liebe zweier Wehrmachtssoldaten, die Timo für ein Uni-Projekt wieder ausgräbt. Von den Erfahrungen seines schwulen Großvaters kann der Student auch so einiges für seine eigene Beziehung lernen.

Als Timo für ein Uni-Projekt über die Kriegserfahrungen seines Opas Ernst recherchiert, entdeckt er Erstaunliches: Sein Opa hatte eine Beziehung zu einem Wehrmachtssoldaten. Damit beginnt eine Reise in die Vergangenheit, die man sich heute gar nicht mehr vorstellen kann. Ernst und Gero lernten sich an der Front kennen und lieben. Nur durch großes Glück und Beziehungen zu Nazi-Funktionären kommen die beiden davon, als sie erwischt werden. Die beiden Postflieger werden versetzt, können aber weiter in einem Team bleiben.



Der Autor Thomas Mohr wechselt in "Die Schützen" von Kapitel zu Kapitel zwischen den Perspektiven. Erzählt er zuerst aus der Gegenwart, in der Timo sich mit seinem Großvater unterhält, spielt das darauffolgende Kapitel gut siebzig Jahre früher. Dann ist der Leser mitten an der Front, bekommt hautnah vom Kriegsgeschehen mit und fliegt mit Ernst und Gero in deren Henschel. Dieser Wechsel ist sehr gut geplant und macht den Roman besonders spannend und aufregend. Außerdem entsteht so der Eindruck, Ernst würde das alles seinem Enkel genau so erzählen, denn immerhin arbeitet der an einer Hausarbeit über dieses Thema.



Der Leser wird auf eine Zeitreise mitgenommen

Doch Timo hat selbst eigene Probleme. Sein jordanischer Freund Ammar verliert seine Aufenthaltsgenehmigung in Deutschland. Er muss weg aus Berlin, es kommt zum Streit. Da wittert der Kommilitone Eike seine Chance, denn er hat schon lange ein Auge auf Timo geworfen. Zwar wird dieser Nebenhandlung bei weitem nicht so viel Platz eingeräumt wie der Geschichte um Ernst und Gero, doch trotzdem erhält sie genügend Tiefe und wird authentisch und fernab von Klischees erzählt.

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Noch packender sind jedoch die Kriegsszenen. Hier muss Thomas Mohr akribisch recherchiert haben, so schlüssig und zusammenhängend wie seine Geschichte ist. Wüsste man es nicht besser, "Die Schützen" könnte man für eine wahre Geschichte halten. Was Ernst und Gero erleben, wie sie sich zum ersten Mal näherkommen,  wie sie zusammen in Berlin hohe Offiziere treffen, wie Ernst die von ihm schwangere Elli heiratet und dann für ein paar Jahre nicht sieht all das ist so treffend und detailliert beschrieben, dass der Leser mit auf diese Zeitreise genommen wird. Dabei verliert sich Mohr nicht in unnötigen Ausstaffierungen, sondern bleibt stets am roten Faden. So wird der Roman nie langatmig, trotz seiner 400 Seiten. Es gibt Momente, da kann man das Buch nicht mehr aus der Hand legen, so spannend ist es.



Timo gesteht seinem Freund seine Liebe

Doch diese Spannung wird weniger betont künstlich erzeugt, indem etwa der Leser nur noch darauf wartet, dass etwas passiert. Nein, die Spannung entsteht durch einen ausgezeichneten Stil und die Fähigkeit des Autors, plötzliche und unvorhergesehene Wendungen einzubauen. Obwohl sie unerwartet auftreten, wirken sie nicht unrealistisch. Im Gegenteil: So spielt das Leben eben. 



Schließlich kann Timo etwas aus der Geschichte seines Großvaters, der wegen einer fortschreitenden Demenz immer vergesslicher und träger wird, etwas lernen. Er will nicht so enden wie Ernst, der mit seiner Frau zusammenlebt, obwohl er Zeit seines Lebens einen Mann geliebt hat. Timo will für seine Liebe kämpfen, will Ammar nach dem Streit zurückgewinnen und reist ihm dafür bis nach Jordanien hinterher. Dort schafft es der Autor, trotz aller Ernsthaftigkeit so lustige Szenen so treffsicher zu beschreiben, dass beim Lesen ein Film im Kopf entsteht. Wie Timo am Essenstisch mit Ammars kompletter Familie sitzt und ihm auf Deutsch seine Liebe gesteht, ist urkomisch und wirklich grandios. Hier trifft Mohr eine Nuance, die zuvor im Roman wenig Raum bekam, genau an der richtigen Stelle. 



Liebe versus Verpflichtung


"Die Schützen" ist ein sehr gut recherchierter Einblick in schwule Liebe zwischen Soldaten im Zweiten Weltkrieg, vergisst aber auch die Gegenwart nicht. So verboten wie die Beziehung von Ernst und Gero damals war, so verboten ist die von Timo und Ammar in Jordanien auch heute noch. So zeigt der Roman, wie sehr es sich lohnt, für seine Liebe zu kämpfen und welche Verantwortung dahinter steckt. Gleichzeitig verdeutlicht die Geschichte, wie viel Mut es bedeutet, sich bewusst  gegen ein wahrscheinlich sorgenfreies Leben zu entscheiden, wie Ernst es damals getan hat: Er hatte eine Verpflichtung gegenüber seiner kleinen Familie, der er nachkommen musste und wollte.

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Weitere Quellen: In Zusammenarbeit mit "Out", Querverlag