Vom anonymen Sex zur großen Liebe und zurück

Fabian Schäfer Von Fabian Schäfer
Vom anonymen Sex zur großen Liebe und zurück
Albino Verlag/Wikimedia,Johannes Jansson; Montage

"Jetzt sind wir jung" ist ein geistreicher, unfassbar witziger und authentischer Coming-of-Age-Roman. Darin kämpft Felix mit dem Erwachsenwerden, beängstigenden Affären und seinem Exfreund, der sich ohne richtige Trennung aus dem Staub gemacht hat.

Eine russische Mutter, die glaubt, dass ihr schwuler Sohn in die Hölle kommt. Dazu die beste Freundin Emilie, Tochter eines Puffbesitzers, die immer für ihn da ist. Genauso wie der Nerd Gabriel, sein einziger schwuler Freund, Seelenklempner und Küchenphilosoph in Personalunion. Felix kann froh sein, die beiden zu haben. Anders würde er die Höhen und Tiefen des Erwachsenwerdens wohl überhaupt nicht aushalten.

Denn darum geht es in "Jetzt sind wir jung", dem Debütroman von Julian Mars: Wie Felix, Anfang 20, erwachsen wird. Oder es zumindest versucht. Er nabelt sich von seinen zerstrittenen, psychisch labilen und nicht gerade fürsorglichen Eltern ab, um endlich sein Leben zu leben.

Grandiose, geistreiche, authentische Dialoge

Dazu gehört auch, sein schwules Ich zuzulassen. Er hat Sex. Er hat verdammt viel Sex. Anonym, auf Bahnhoftoiletten, in Darkrooms. Wenn Julian Mars beschreibt, wie sein Protagonist als 17-Jähriger den Sexclub "Black Hole" betritt, folgt man Felix, als wäre man live dabei. So detailliert, so authentisch sind die Gespräche, Orte und Begegnungen.

Überhaupt ist es Mars lockere, unverkrampfte Sprache, die den Roman zu etwas ganz Besonderem machen. Er findet Vergleiche und Metaphern, die Felix Lage auf den Punkt treffen. Seine Dialoge finden immer den richtigen Ton: Derb und machtvoll im "Black Hole", unfassbar komisch und von trockenem Humor strotzend mit der Dragqueen Tamara Testicles, liebevoll-romantisch mit Martin.

Unvorhersehbar, voller Wendungen trotzdem realistisch

Martin. Felix Exfreund, um den sich im Grunde das gesamte Buch dreht. Martin, der nach der Trennung einfach abgehauen ist, Hamburg verlassen hat. Und den Felix plötzlich wieder im Supermarkt trifft. Zu allem Überfluss schmeißt Tamara auch noch eine Party, zu der natürlich beide eingeladen sind.

Das Warten auf diese erste Begegnung seit der Trennung macht Felix wahnsinnig. Und Julian Mars versteht es, diese Ungewissheit und Spannung auf den Leser zu übertragen. Wie ein Mantra erscheint der Kehrvers am Ende der Kapitel: Noch so und so viele Tage bis zu Tamaras Party. Da fällt es schwer, das Buch aus der Hand zu legen, so unvorhersehbar und voller Wendungen ist "Jetzt sind wir jung".

Felix stellt sich dieselben Fragen wie alle jungen Schwulen

Und so ist es am Ende umso trauriger, wenn der Roman sein grandioses, da realistisches, Ende findet. Denn Felix ist einem richtig ans Herz gewachsen. Dieser junge Mann, der sich in der schwulen Welt zuerst zurechtfinden muss. Der sich auf Schwulenpartys ziemlich unwohl fühlt und auf CSDs verzichten kann.

Felix, der sehr reflektiert mit seinen anonymen Sexabenteuern umgeht, und der oft irrational handelt. Doch genau das macht ihn sympathisch: Was er macht, ist nicht vernünftig. Aber es ist so nachvollziehbar. Wir alle haben schon einmal einen Typen von Anfang an durchschaut und sind trotzdem auf ihn reingefallen.

Er macht sich dieselben Gedanken, die in so gut wie jedem jungen Schwulen schwirren: Warum stehe ausgerechnet ich auf Männer? Würde ich mich umpolen lassen, wenn es ginge? Wie beeinflusst meine Sexualität mein Leben? Felix findet seine Antworten darauf. Zumindest ansatzweise. Denn erwachsen? Das hat noch Zeit.

Julian Mars
JETZT SIND WIR JUNG
Roman
ISBN: 9783959850384
14,99
Albino Verlag

Kommentare
Kommentare werden geladen
dbna.newsletter
Bleibe immer up-to-date.
Abonniere unseren wöchentlichen Newsletter!
Weitere Quellen: Albino Verlag/Wikimedia,Johannes Jansson; Montage