Will Davis: Meine Sicht der Dinge

Fabian Schäfer Von Fabian Schäfer
Will Davis: Meine Sicht der Dinge
Montage: Bruno Gmünder/Wikimedia,Johannes Jansson

Nervige Eltern, die kurz vor der Scheidung stehen, eine ultra-christliche Schwester und eine Gang in der Schule, die es auf ihn abgesehen hat, weil er schwul ist: Jarold hat ziemlich viele typische Teenager-Probleme. Davon lässt er sich aber kaum beeindrucken. Ihm ist alles scheißegal.

Man hat es schon ziemlich schwer als 16-Jähriger. Jarold, der seinen Namen über alles hasst, steckt mitten in der Pubertät. Seine Eltern verzweifeln an ihm und wissen nicht mehr weiter, bis sie ihn schließlich mit zur Familientherapie schicken. Seine Schwester, die er nur "die Nonne" nennt, ist päpstlicher als der Papst und sieht ihn schon auf der Einbahnstraße in Richtung Hölle.

Dabei hat er die auf der Erde eigentlich schon erreicht. In der Schule hat es eine Gang auf ihn abgesehen. Und sein Grundschulfreund Fabian, der sich mittlerweile zu einem psychisch labilen Nazi-Punk entwickelt hat, bedroht ihn mit einem Messer. Davon lässt sich Jarold aber so gar nicht beeindrucken: Ihm ist alles scheißegal. Selbst in der brenzligsten Situation schafft er es, taff und schlagfertig zu bleiben. Dass das alles nur eine Fassade ist, lässt Jarold nur an manchen Stellen durchblicken. Immer dann, wenn es besonders schlimm ist, gibt er nämlich zu, dass ihn das eigentlich nicht kalt lässt.

Er trifft seinen Lehrer im Schwulenclub "Starlight"

Jarold ist ein Charakter, mit dem sich viele   nicht nur schwule Jugendliche identifizieren können. Jeder hat ähnliche Situationen erlebt und dieselben nervigen Gespräche mit seinen Eltern geführt: "Das ist nur eine Phase", "du kommst immer so spät nach Hause", "mach mehr im Haushalt". Jarold knickt nie ein, sondern macht sich die Welt, wie sie ihm gefällt. Er kommt in keinen Schwulenclub, weil er erst 16 ist? Dann geht er eben ins "Starlight", denn dort werden keine Ausweise kontrolliert.

Natürlich trifft er dort das erste Mal einen Typen, in den er ziemlich verknallt ist. Am selben Abend trifft er dort auch seinen Erdkundelehrer, was ihn recht verstört zurücklässt. Der 16-Jährige macht seine ersten Erfahrungen, nimmt Drogen, reißt von zu Hause aus. Das ist manchmal ein bisschen zu viel auf einmal, bleibt aber realistisch.

Ein großartiger Roman

Autor Will Davis legt Jarold genau die Worte in den Mund, die es braucht, um Jugendliche zu erreichen. Das wirkt nie aufgesetzt oder möchtegern-jugendlich, sondern immer authentisch. Er scheint zu wissen, vor welchen Herausforderungen schwule Jungs in dem Alter stehen, immerhin war er selbst erst 27, als er den Roman geschrieben hat.

So ist "Meine Sicht der Dinge" ein Buch, in dem sich Viele zumindest stellenweise wiedererkennen werden. Der Roman ist, auch dank Jarolds trockenem Humor und seiner Schlagfertigkeit, unfassbar lustig. Gleichzeitig lässt er die Leser mit dem Teenager mitfühlen, wenn er sich mit seinen Eltern streitet, mitfiebern, wenn er den süßen Jon wiedertrifft, und mitleiden, wenn er einmal mehr von der Gang drangsaliert wird. Ein großartiger Coming-of-age-Roman.

Will Davis
MEINE SICHT DER DINGE

Roman | Softcover
Preis (D) 16,95
ISBN: 978-3-86787-611-7

Verlag Bruno Gmünder

Kommentare
Kommentare werden geladen
dbna.newsletter
Bleibe immer up-to-date.
Abonniere unseren wöchentlichen Newsletter!
Weitere Quellen: Montage: Bruno Gmünder/Wikimedia,Johannes Jansson