Der Freier will immer ohne!

Patrick Fina Von Patrick Fina

Denis ist Stricher. Von der Gesellschaft wird er ausgegrenzt unddiskriminiert, häufig einfach übersehen. Dabei gibt es alleine in Kölnrund 1.000 männliche Prostituierte. Eine Reportage vom vermeintlichenRand der Gesellschaft.

Sorgfältig hat Denis* den Tabak auf dem Paper ausgerollt und das Haschisch darüber verteilt. Geschickt dreht er den Joint, fährt mit seiner Zunge über den Klebestreifen und greift nach einem Feuerzeug. Er nimmt einen tiefen Zug und schaut fast erleichtert auf den Rhein, der wenige Meter entfernt mitten durch Köln fließt. Das mit den Drogen fing relativ früh an. Seitdem sind sie fester Bestandteil seines Alltags geworden. Der Zweck heiligt das Mittel? "Wenn ich kiffe, vergesse ich alles", sagt er. Die Sorgen, die Schmerzen, für einen kurzen Augenblick ist all das vergessen. Erst am Abend kommen die Sorgen wieder, wenn Denis sich auf den Weg zur Arbeit macht. Wie jeden Abend wird er sich in eine der vielen einschlägigen Kneipen der Kölner Altstadt setzen und warten. Darauf, dass ihn jemand anlächelt. Dann steht er auf, spricht diesen Jemand an. Sie kommen ins Gespräch und irgendwann fällt hoffentlich die Frage, auf die Denis den ganzen Abend wartet: "Was kostest du?"

Denis ist Stricher, einer von vielen in Köln. Pro Jahr gehen allein in der Domstadt rund 1.000 junge Männer regelmäßig oder phasenweise der Prostitution nach. Sie fallen nicht auf, sehen aus wie du und ich. Sie leben als Schattenwesen am vermeintlichen Rand der Gesellschaft, werden totgeschwiegen, übersehen oder einfach ignoriert.

Wo kriege ich Geld her?

Denis hatte eine schwierige Kindheit. Die Mutter war schwere Alkoholikerin, der Vater irgendwo. Als er noch sehr jung war, hat das Jugendamt ihn geholt und zu einer Pflegefamilie gebracht. Sie sollte nicht seine einzige Pflegefamilie bleiben. Im Laufe der Jahre wurde er herumgereicht wie eine heiße Kartoffel. Wenn er sich gerade eingelebt hatte, riss man ihn aus seiner Umgebung heraus und steckte ihn in eine neue. "Ein richtiges Zuhause hatte ich nie", sagt Denis. Um den Schmerz zu betäuben, griff er zu den Drogen - damit fing alles an. Denn Drogen sind teuer und Geld hatte Denis nicht. "Da dachte ich, dass ich eigentlich mal auf den Strich gehen könnte", erklärt er.

Wo kriege ich Geld her? Diese Frage treibt auch Fabrizio* um. "Wenn ich morgens aufwache, ist es das erste, woran ich denke", sagt er. Er schnappt sich dann sein Handy und geht das Telefonbuch durch, seine Stammfreier. "Die rufe ich an und frage, ob sie am Abend ficken wollen." Für rund 100 Euro gibt es das Komplettpaket: Küssen, blasen, ficken. Wenn er Glück hat, darf er die Nacht bei dem Freier verbringen. Wenn nicht, muss er wach bleiben und sich am nächsten Morgen einen Schlafplatz suchen. Wenn er richtig Pech hat, gibt es kein Geld nach dem Sex. Dann, wenn Fabrizio vor Ekel die Augen geschlossen hat, um seinem Freier nicht ins Gesicht sehen zu müssen. Oder dann, wenn er keinen Orgasmus hatte, weil Erregung und Routine weit auseinander liegen. Für viele Freier ist das kein richtiger Sex, also wollen sie dafür nicht bezahlen - obwohl sie auf ihre Kosten kamen.

Die Bandbreite der Probleme ist schier endlos. Viele der jungen Männer haben keine Wohnung, leben in materieller Not. Fast alle haben keine Ausbildung. Finanziell auf sich gestellt bleibt ihnen häufig nur der Weg in die Prostitution, um zu überleben. Der Alkohol- und Drogenkonsum ist hoch, geht häufig einher mit Kriminalität. Das Leben auf der Straße ruft starke gesundheitliche Beeinträchtigungen hervor. Soziale Ausgrenzung und Diskriminierung bestimmen das öffentliche Verhalten gegenüber männlichen Prostituierten. Das ohnehin meist schwache Selbstwerterleben der Stricher wird durch diese Erfahrung zusätzlich geschmälert. Und wer nicht weiß, wie viel er selber wert ist, dem ist auch seine Gesundheit nicht wichtig. Das kann zu einem risikoreichen Sexualverhalten mit schweren gesundheitlichen Folgen führen.

Nicht alle Jungs sind schwul

Der Freier will immer ohne steht warnend auf einem Plakat im Büro des Looks e.V. in der Kölner Altstadt, nicht weit entfernt von den einschlägigen Stricherkneipen. Looks hilft Jungs, die anschaffen. Unbürokratisch, anonym, individuell und ohne Verpflichtung. "Wir sind oft die letzte soziale Station", sagt Sabine Reinke. Seit 1999 ist sie Geschäftsführerin von Looks, gemeinsam mit vier weiteren SozialarbeiterInnen betreute sie alleine im vergangenen Jahr mehr als 500 Kölner Stricher. Die letzte soziale Station ist gemütlich eingerichtet: Ein großes Wohnzimmer mit einladender Couch, davor ein Fernsehgerät mit einer angeschlossenen Playstation. In einer Nische steht ein Hochbett, darunter ein Schreibtisch mit einem PC.

Das ist das Wohnzimmer für viele "Jungs", wie sie sich selbst gerne nennen. Auch Denis und Fabrizio sind häufig hier. Dreimal in der Woche öffnet Looks, dann können sie duschen, essen, Wäsche waschen, das Internet benutzen oder einfach nur neue Kondome holen. Sie können einen Blick in ihre Postfächer werfen, mit einem Arzt oder den Sozialarbeitern sprechen. "Wir versuchen, unseren Klienten das Leben erträglicher zu machen", sagt Reinke.

Fast die Hälfte der männlichen Prostituierten habe einen Migrationshintergrund, erklärt Reinke. Viele kommen beispielsweise aus Bulgarien, haben dort Frau und Kinder. Sie kommen nach Deutschland, um das große Glück zu finden, haben gehört, dass man in Deutschland gut verdient. Erst wenn sie eingereist sind, holt die Realität sie auf den Boden der Tatsachen zurück. Sie finden keine Arbeit, sprechen die Sprache nicht und gehen anschaffen, um der Familie das versprochene Geld zu schicken. Auch Studenten und junge Angestellte gehören zu Reinkes Klientel, nicht alle Jungs sind schwul. "Notlagenprostitution" wird das im Fachjargon genannt.

"Erfolg wird bei uns klein geschrieben"

Der Schritt hin zu Looks ist für jeden Stricher schwierig, denn er ist das Eingeständnis, ein soziales Problem zu haben. Deshalb setzen die Sozialarbeiter von Looks nicht darauf, dass die Stricher von selbst zu ihnen kommen. Vielmehr gehen sie dorthin, wo die Stricher sind, um so viele wie möglich auf ihre Arbeit aufmerksam zu machen. "Viele wissen gar nicht, was HIV ist", erklärt Reinke. In persönlichen Gesprächen weisen die SozialarbeiterInnen auf gesundheitliche Risiken hin, geben Tipps und verschenken Kondome. Manchmal schaffen sie es, Jungs wieder für die Schule zu begeistern oder ihnen eine Wohnung zu vermitteln. Bei einigen Jungs ist es sogar schon ein großer Erfolg, wenn sie sich einen Personalausweis beschaffen. Es sind die kleinen aber wichtigen Schritte in Richtung Normalität, die Reinke und ihre KollegInnen antreiben. "Erfolg wird bei uns kleingeschrieben", sagt sie bescheiden. Vor kurzem erst erhielt sie eine E-Mail von einem ehemaligen Klienten. Der sei mittlerweile Familienvater und in eine andere Stadt gezogen, erzählt sie stolz. In der E-Mail habe er geschrieben, dass es ihm richtig gut gehe - und, dass er es ohne Looks nicht geschafft hätte.

*Name von der Redaktion geändert

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Weitere Quellen: photocase.com