HIV-Diagnose mit 20

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HIV-Diagnose mit 20
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HIV-Diagnose mit 20 Jahren: Marcel Dams hat genau das erlebt. Aber statt sich zu verkriechen, hat er sich öffentlich als Positiver geoutet. Er will etwas verändern.

20 Jahre alt und HIV-positiv. Für viele wäre das eine Schockdiagnose . Aber nicht für Marcel Dams, der offensiv mit seiner Infektion umgeht:  Er bloggt über seine Krankheit und  macht bei einer Aufklärungskampagne mit.  Im dbna-Interview erzählt er, wie er sich angesteckt hat, wie es sich mit HIV lebt und warum er sich engagiert.

Wurdest du schon mal damit konfrontiert, dumm zu sein?
Konfrontiert ja. Viele Leute meinen, man sei selbst schuld, wenn man HIV hat. HIV hat generell etwas Unmoralisches in der Gesellschaft, etwas was meist mit Sex, Drogen oder Prostitution zu tun hat. Ich habs mir beim ersten ungeschützten Geschlechtsverkehr geholt. Kann sein, dass ich in dem Moment blöd war. Ich habe kein Problem damit, wenn das jemand behauptet. Ich hab nur ein Problem, wenn das auf das ganze Leben ausgeweitet wird.

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Im Internet ist Marcel als "Teilzeitblogger" bzw "Teilzeitvlogger" unterwegs. Sein Blog und sein YouTube-Kanal heißen so.

Im Internet ist Marcel als "Teilzeitblogger" bzw "Teilzeitvlogger" unterwegs. Sein Blog und sein YouTube-Kanal heißen so.

Hast du früher anders über HIV gedacht als jetzt?
Ja, ich hab früher gedacht, dass HIV Tod bedeutet, weil ich mich nicht damit auskannte. Ich kannte zwar die Übertragungs- und Schutzmöglichkeiten, aber ich hab mich nicht so intensiv damit beschäftigt. Das musste ich tun, als ich erfuhr, dass ich infiziert bin. Die Ärzte erklären einem sofort, dass man heute mit HIV alt werden kann.

Wie hast du dich angesteckt?
Ich habe der Person vertraut und dachte, da könne mehr draus werden. Gefühle waren von meiner Seite auf jeden Fall da und ich dachte von seiner Seite auch. Es kam einfach zum ungeschützten Verkehr. Wir haben nicht darüber gesprochen. Ich bin davon ausgegangen, dass er gesund wäre.

Was hat dich dazu bewogen, dich auf HIV testen zu lassen?
Ich hatte ungefähr zwei Wochen nach dem Sex Grippesymptome. Dann kam noch eine Mundschleimhautentzündung dazu. Ich hab gehört, dass das erste Anzeichen sein können. Ich hab dann den Test gemacht, um die Sicherheit zu haben.

Du hast also schon einen Verdacht gehabt. Hat dich das beängstigt?
Ja. Man soll mit dem Test immer drei Monate warten, damit sich die Antikörper vollständig gebildet haben. Aber diese Zeit war die Hölle. Es war echt schlimm, im Ungewissen zu sein. Ich hab nach dem Test eine Woche auf das Ergebnis gewartet - und da ging mir alles durch den Kopf. Im Endeffekt würde ich sagen, dass es im Nachhinein vielleicht gut war. Denn ich bin irgendwie davon ausgegangen, dass ich positiv bin, und konnte mich so schon darauf vorbereiten.

Wie hast du in dem Moment reagiert, als du das Ergebnis bekommen hast?
Schon gefasst. Ich würde behaupten, gefasster als andere Leute. Ich hab nur gedacht: Entweder du gehst jetzt nach Hause und nimmst Zeit für dich oder du sprichst mit der Frau vom Gesundheitsamt über alles. Ich hab letzteres gemacht und das hat mir schon die Angst genommen. Trotzdem hatte ich eine Leere in mir. Ich habe es an dem Tag noch nicht richtig realisiert.

Gab es Momente, in denen du richtig down warst?
Ja, die ersten zwei Wochen. Da war ich in einem schwarzen Loch und wollte nicht mehr unter Menschen. Ich wollte ein ruhiges Leben für mich führen. Mein Umfeld hat mich da aber schnell wieder heraus geholt, vor allem meine Eltern. Sie haben zwar erst geschockt reagiert, als ich ihnen erzählt habe, dass ich HIV habe. Aber dann waren wir zusammen bei der AIDS-Hilfe. Da war dann das Wissen da, dass HIV nicht mehr das bedeutet, wie vor 20 Jahren noch. So konnten meine Eltern mich besser unterstützen.

Hast du den Menschen, der dich angesteckt haben muss, mit dem Ergebnis konfrontiert?
Ja, wir haben zweimal gesprochen. Ich war ziemlich wütend und sauer. Er hat dann auch gleich zugegeben, dass er HIV hat. Er ist aber einer dieser AIDS-Dissidenten, das heißt, er glaubt nicht daran, dass es HIV und AIDS gibt. Seiner Meinung nach kann er Andere nicht anstecken.

Jemanden bewusst mit HIV anzustecken, gilt als schwere Körperverletzung. War eine Anzeige für dich eine Option?
Ich sehe ein Problem in der Justiz: Es findet eine Hexenjagd statt. Der HIV-Positive, der den Anderen ansteckt, ist das Monster. Ihm wird die Schuld gegeben, er wird als bösartig dargestellt. Für mich ist das nicht akzeptabel. Ich finde, dass nicht nur HIV-Positive dafür verantwortlich sind, dass HIV nicht weiter verbreitet wird. Deswegen zeige ich niemanden an.

Hat dein Umfeld angefangen, mit HIV anders umzugehen?
Ja, das beste Beispiel ist die Arbeit:  Ich arbeite im Großraumbüro und mein Arbeitgeber ist sehr tolerant. Er hat die lokale AIDS-Hilfe eingeladen, so dass jeder anonym Fragen stellen konnte. Eine Kollegin hat mir auch gesagt, dass sie nun mit ihren Kindern ganz offen über HIV und Sex sprechen kann, seitdem ich mich als HIV-positiv geoutet habe. Das ist für mich Bestätigung, dass es etwas bringt, wenn man Menschen das Thema etwas vor den Kopf stößt. Sie setzen sich dann damit auseinander.

Wie kann man die Vorurteile und Ängste abbauen?
Indem man den Leuten aufzeigt, dass man kein schlechter Mensch ist, wenn man HIV hat. Das versuche ich in meinem Blog und meinen Videos. Es gibt viele Menschen, die mir danken, dass ich dort so offen schreibe -  auch über Sex. HIV ist nun mal etwas, was mit Sex zu tun hat und da ist Offenheit ganz wichtig. Beispielsweise gab es die Situation, dass ich beim ersten Sex nach der Infektion mich vor mir selbst geekelt habe, weil ich mit der Situation nicht klar kam. Wer nicht offen über Sexualität reden kann, kann auch nicht offen über HIV reden.

Was hat dich dazu bewogen, dein Blog zu starten?
Ich habe selbst im Internet nach Informationen zum Thema gesucht. Da stößt man dann beispielsweise auf die Seiten der Deutschen Aidshilfe. Das ist aber alles sehr theoretisch. Dann gibt es ein, zwei Blogs von Betroffenen, die sind aber schon über 40 Jahre alt. Ich finde es gut, dass sie das machen. Aber ich kann mich selbst damit nicht identifizieren. Ich hab nie was von oder über junge Leute gefunden. Das wollte ich ändern. Ich merke natürlich, dass ganz viele junge Leute über YouTube oder das Blog auf mich stoßen und sich dafür interessieren. Das wäre vielleicht nicht der Fall, wenn es niemanden wie mich geben würde.

Vielen Dank für das Gespräch.

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