Lieber unterm freien Himmel

Falk Steinborn Von Falk Steinborn

Im Sommer sieht man sie wieder überall: Pärchen auf Wiesen, am Strand oder im Wald. Die warme Jahreszeit lockt zur Liebe im Freien. Auch Jochen und sein Freund haben das ausprobiert und wurden erwischt.

Orange Abendsonne, ein Bootssteg, das Zirpen der Heuschrecken. Der Dunkelhaarige mit dem süßen Lächeln sitzt neben dem liegenden Tobi. Seinen Rücken ist knallrot, von der Sonne verbrannt. Aber Finger für Finger bewegt sich auf ihm die Hand des dunklen Lockenkopfs in Richtung  Tobis Hüfte. Sein Atmen wird lauter, er dreht sich schließlich um - ein Kuss. Danach greifen Arme nacheinander und streifen Badeshorts ab. Körper umschlingen sich bis ein sanftes Stöhnen die Stille durchdringt.



Tausende schwule Männer haben bei dieser Szene im Coming-Out-Film "Sommersturm" die Luft angehalten. Das erste Mal zwischen Leo und Tobi ist eine der schönsten schwulen Liebesszenen. Und sie hat alles, was Sex im Freien braucht: angenehm warmes Wetter, Abgeschiedenheit und romantisches Licht. Es ist Sommer.

Das Jahreszeit bringt uns in Wallungen

Gerade zu dieser Jahreszeit läuft unser Hormonspiegel auf Hochtouren, schuld sind Sonne und die Düfte der Natur. So werden das Sexualhormon Testosteron und der Glücksstoff Endorphin in höherer Dosis ausgeschüttet. Außerdem veranlassen das viele Sonnenlicht und die kürzeren Nächte unseren Körper dazu, weniger Schlafhormon zu produzieren. Die Folge: Wir sind aktiver wenn auch nicht ganz so triebhaft wie im Tierreich.

Der Reiz des Verbotenen

Diese Erfahrung hat auch Jochen gemacht. Wenn er mit seinem Freund im Sommer unterwegs war, dann überkam sie das ein oder andere Mal die Lust: "Wenn wir bei einer Fahrradtour ein Maisfeld gesehen haben, wo der Mais schon so richtig hoch Stand, dann sind wir da schon mal hineingegangen um dort Sex zu haben." Jochen und sein Freund hatten beide eine Vorliebe für Sex im Freien. Einer der Gründe: Nervenkitzel. "Wenn wir dann den Traktor gehört haben, war klar: Der Bauer könnte uns jeden Moment erwischen. Wir haben dann immer gehofft, dass er weiterfährt."

Die Gefahr des Verbotenen macht einen Reiz beim Sex im Freien aus. Jeden Moment auffliegen zu können, bedeutet einen Lustgewinn. Jochen und sein Freund haben deshalb sogar das ein oder andere Abenteuer im Freien geplant. Ganz so hemmungslos wie in den eigenen vier Wänden war sie  dann aber ganz bewusst nie. "Draußen bin ich leiser. Außerdem habe ich dann nicht nur Sex sondern bin gleichzeitig auch Aufpasser."

Wo kein Kläger, da kein Richter

Immerhin kann Sex in der Öffentlichkeit durchaus eine Bestrafung mit sich bringen. So heißt es im Paragraphen 183a des Strafgesetzbuches: "Wer öffentlich sexuelle Handlungen vornimmt und dadurch absichtlich oder wissentlich ein Ärgernis erregt, wird mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder mit Geldstrafe bestraft []." Wann ein öffentliches Ärgernis vorliegt, ist laut Polizei Köln aber eine reine Ansichtssache. Es komme immer auf den Ort, die Zeit und das Umfeld an. Kurz um: Je abgelegener der Ort und je später am Abend desto harmloser. Und sowieso gilt in aller in Regel: Wo kein Kläger, da kein Richter. Bei der Polizei Köln ist zumindest aus den letzten Jahren kein Fall aufgrund des Paragraphen 183a bekannt. 

Dabei gibt es in Köln durchaus einige Ecken, wo es im Sommer täglich zu Sex im Freien kommt. Paradebeispiel ist ein kleines Wäldchen am Aachener Weiher, direkt an Kölns Stadtzentrum gelegen. Der Ort gilt als Crusing-Gebiet: Zu später Stunde treffen sich hier Schwule Männern auf der Suche nach anonymen Sex. Manchmal geht es direkt im Gebüsch zur Sache, manchmal wird auch nur ein Sexpartner gesucht. Alles andere findet dann an anderen Orten statt, zum Beispiel in einem Hinterhof oder einer öffentlichen Toilette.

Schon die alten Chinesen hatten Sex im Freien

Dass das nicht ungewöhnliches ist, weiß Erwin In Het Panhuis vom Centrum für schwule Geschichte in Köln: "Es gibt schon seit Jahrhunderten traditionelle Schwulen-Treffpunkte, wo es zu anonymen sexuellen Handlung kommt. Dazu zählen öffentliche Toiletten. In der Nachkriegszeit gab es dann zum Beispiel auch Trümmersex in zerstörten Gebäuden." Und mit Blick auf die Menschheitsgeschichte hat es Sex im Freien -auch mit wechselnden Partnern- schon immer gegeben. Das bezeugt ein Backsteinrelief aus China von vor 2000 Jahren. Es zeigt einen Mann und eine Frau beim Geschlechtsverkehr unter einem Maulbeerbaum.  Ein zweiter Mann nähert sich dahinter bereits in freudiger Erwartung an die beiden an.

Sex in der Natur scheint also schon seit Jahrtausenden ein Klassiker zu sein, der auch heute noch beliebt ist. Laut einer Studie des Kondom-Herstellers Durex hatte schon fast jeder zweite Deutsche Sex im Park oder im Garten.  Beliebter sind noch das Auto und die Toilette. Andere Orte sind weniger attraktiv, haben aber dennoch ihren Reiz, zum Beispiel der Strand oder sogar das Meer.

Flucht vor den Eltern

Diese Erfahrung hat auch Jochen gemacht. Als er im Alter von 18 Jahren mit seinen Eltern in den USA Urlaub machte, merkte er, dass der Golf von Mexiko nicht nur zum Schwimmen gut ist: "Ich war gerade gemütlich im Wasser am Planschen, da ist mir ein Typ aufgefallen." Beide kamen sich näher, zeigten Interesse für einander. Also gingen sie gemeinsam immer weiter ins Meer hinein, dass dort relativ flach und ruhig war Glück für die beiden. Wo sonst hätten sie auch hingesollt? Im Hotelzimmer waren ja immerhin die Eltern.

Überhaupt sind die Eltern ein häufiger Grund, warum Sex außerhalb des eigenen Betts  nicht nur ein freie Entscheidung, sondern manchmal schlichtweg eine Notwendigkeit ist. Denn wer bei seinen Eltern ungeoutet ist oder sich ein Zimmer mit seinen Geschwister teilt, der kann nicht einfach seinen Freund mit nach Hause bringen. Ein Problem, an das sich auch Jochen aus seinen etwas stürmischeren Zeiten erinnert.  "Ich hätte ja nicht jeden Typen mit zu mir schleppen können. Oh Gott, was hätte die Mama sagen sollen?".

Beim Fummeln erwischt

Auf alle nur erdenklichen Orte ist Jochen deshalb aber noch lange nicht ausgewichen. Klare Tabus hat es für ihn immer gegeben. Moralisch fragwürdig findet er etwa Liebesspiele auf dem Friedhof, genauso wie Orte, an denen sich Kinder aufhalten. Auch sei für ihn wichtig, dass er immer schnell flüchten könnte. An aller erster Stelle stehe für ihn aber bei der Wahl des Ortes die Romantik. Eines seiner schönsten Erlebnisse hatte er mit seinem Freund auf einer kleinen Waldlichtung:

Durch die Baumwipfel fällt spärlich Sonnenlicht auf das Gras am Boden. Jochen und sein Freund liegen sich in den Armen, eng verschlungen. Die einzelnen Strahlen der Sonne kitzeln auf ihrer nackten Haut. Im Hintergrund zwitschern Vögeln, ab und zu knarzt ein Baum. Es riecht nach Holz und frischer Natur. Plötzlich steht ein Hund vor den beiden Liebenden. Sie bemerken ihn zunächst gar nicht. Erst als seine  Besitzerin hinterherkommt, schrecken sie auf und laufen rot an, genauso wie die Besitzerin: "Die alte Frau hat ganz schön deppern reingeschaut. Ihr war das peinlicher als uns." Die Frau schnappt schließlich ihren Hund, und Jochen und sein Freund machten dort weiter, wo sie stehengeblieben waren: Bei der Liebe unterm freien Himmel.

dbna-Tipp: Mehr Artikel rund um das Themen Schwulsein, Sommer und Liebe findest du in der aktuellen "out!", dem Magazin des lesbischwulen Jugendnetzwerks Lambda e.V. Du kannst die "out!" unter unten stehendem Link online lesen. Als Mitglied von Lambda e.V. bekommst du die "out!" außerdem gratis nach Hause geschickt. Die Mitgliedschaft ist für Jugendliche bis 27 kostenlos.

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