Schwuler Reiz auf Heteros

Fabian Schäfer Von Fabian Schäfer
Schwuler Reiz auf Heteros
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Wer kennt nicht das Phänomen, den besten Freund attraktiv zu finden? Wieso haben viele Jugendliche homoerotische Erfahrungen, obwohl sie hetero sind? Und warum verlieben sich junge Schwule in andere Jungs, obwohl sie hetero sind und nahezu keine Chance auf Erfolg besteht?

"Eigentlich war ich mit meiner besten Freundin und ihrem Freund verabredet", erzählt Marcel, 21. "Doch sie hatte keine Zeit, also waren er und ich alleine. Auf einmal fing er an, mir immer näher zu kommen und es darauf anzulegen." Obwohl Marcel erst mit seinem Gewissen kämpfen musste, konnte er nicht widerstehen.

Sie hatten Sex miteinander. "Ich denke, er wollte seine Neigungen zu Männern einfach mal ausleben. Vielleicht ist er auch bisexuell, will es sich aber nur nicht eingestehen", sagt Marcel weiter. Da der Freund von seiner Homosexualität wusste, könnte das auch seine eventuellen Hemmungen fallen gelassen haben.

 In der Orientierungsphase sind Heteros besonders attraktiv

Etwas anders war es beim 19-jährigen Hendrik, der Sex mit einem Bekannten hatte, den er durch Freunde kennen lernte. "Als ich mich bei ihm outete, machte er immer wieder Anspielungen und ergriff schließlich die Initiative", erzählt er. Hendrik befand sich zu der Zeit nach einigen Beziehungen mit Frauen in einer Orientierungsphase, in der er schon entdeckte, dass ihn auch Jungs reizen.

"Bei ihm war das nicht so: Er ist hetero und wollte es aus Interesse wohl einfach mal ausprobieren. Wir haben auch nur einmal noch darüber gesprochen". Unter Freunden reden sie nicht darüber, es sei dem Freund zwar nicht peinlich, trotzdem möchte er es geheim halten.

"Gerade wer sich in seiner Orientierungsphase befindet und merkt, dass er sich fürs gleiche Geschlecht interessiert, fühlt sich besonders zu Hetero-Jungs hingezogen", sagt der Sexualpädagoge Jürgen Piger vom schwul-lesbischen Jugendzentrum anyway in Köln. "Es kostet viel Überwindung, sich einzugestehen, dass man bi- oder homosexuell sein könnte.

Gerade dann möchten viele Jugendliche ihre ersten Erfahrungen nicht mit jemandem sammeln, der jedes schwule Klischee erfüllt. Sie wollen langsam anfangen", sagtPiger. Deshalb finden Jugendliche während ihrer sexuellen Orientierung häufig Heteros interessant und attraktiv, oft verlieben sie sich sogar in sie.

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Verliebt in den besten Freund?

Es  ist völlig normal, dass man sich in der Pubertät verliebt. Gerade wenn Jugendliche in der Phase ihrer sexuellen Selbstfindung sind, definieren sie sich noch nicht als schwul. "Sie verlieben sich nicht in die Orientierung eines Anderen, sondern in den Menschen", sagt Jürgen Piger.

Vor allem wenn Heranwachsende keinen oder wenig Kontakt zu anderen Bi- und Homosexuellen haben, verlieben sie sich oft in Heteros. Je mehr positive und negative Erfahrungen sie diesbezüglich sammeln, desto einfacher ist es, sich davor zu schützen, oft unerwiderte Gefühle für einen heterosexuellen Jungen zu entwickeln. "Mit seiner Sexualität und mit Liebe umgehen zu lernen ist ein lebenslanger Prozess, der in der Orientierungsphase beginnt.", erklärt Piger.

Warum Heteros manchmal auch an Schwulen interessiert sind

Gefühle spielten für den 17-jährigen Renja keine Rolle. Auf einer Sommerfahrt haben er und ein Freund sich geblasen. "Irgendwie war uns langweilig und er fing einfach damit an", sagt er. Danach haben sie nie wieder darüber gesprochen. "Es hat unsere Beziehung auf jeden Fall verändert. Ich bereue es zwar nicht, aber trotzdem fühlt es sich komisch an mit ihm zu reden. Auch er ist mir gegenüber seitdem eher distanziert", erzählt Renja.

Doch warum fangen Jungs, die offiziell hetero sind, etwas mit Schwulen wie Renja an? Die Antwort gibt Jürgen Piger: "Zum einen wollen sich Jugendliche ganz generell ausprobieren, Freiräume schaffen und ihre Grenzen testen und auch überschreiten."

Im Bereich der Sexualität geschieht dies eben oft durch sexuelle Handlungen mit dem gleichen Geschlecht, auch wenn sie eigentlich hetero sind. "Zum anderen wollen junge Menschen, die merken, dass sie sich zum gleichen Geschlecht hingezogen fühlen, nicht sofort outen und sich nicht zu erkennen geben", sagt Piger weiter.

Sie verhalten sich also oft "hetero-like", also bewusst maskulin, um von Freunden, der Familie und der sozialen Umgebung nicht darauf angesprochen zu werden. Das heißt aber natürlich nicht, dass sich jeder, der hetero-like ist, verbiegt und sein Verhalten künstlich ändert und anpasst!

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Hetero- Verhalten aus Angst?

Diejenigen aber, die sich verbiegen und aus Angst ihr Verhalten dem der Heteros anpassen, haben es später eventuell schwerer. "Klischeehafte Jungs müssen sich viel eher mit ihrer Umwelt auseinandersetzen, weil sie schon früh auf ihre Homosexualität angesprochen werden.

Oft outen sich diese sehr bald, da ohnehin schon Jeder denkt, dass sie schwul sind. Das Coming-out wird sozusagen von außen angestoßen", so Piger. Hetero-Likes fühlen sich oft mit der Tatsache konfrontiert, dass sie lange Zeit unehrlich zu ihrer Umgebung waren. Immerhin konnten sie sich lange verstecken und wurden von Freunden und der Familie oft nicht darauf angesprochen.

"Auch wenn man das innere Coming-out schon lange hinter sich hat, stellt es noch eine große Herausforderung dar, auch das äußere Coming-out zu vollziehen. Vor allem wenn man wie viele Hetero-Likes nie damit konfrontiert wurde", erklärt Piger weiter.

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