Wer will schon Mängelware kaufen?

Falk Steinborn Von Falk Steinborn
Wer will schon Mängelware kaufen?
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Kontaktanzeigen im Internet boomen. Jedes Jahr finden mehr und mehr Menschen ihren Partner im World Wide Web. Aber neben erfolgreichen Inseraten gibt es auch eine ganze Reihe witziger, peinlicher und selbstbemitleidender Anzeigen.

Die Engländerin Helen Morrison veröffentlichte im Jahr 1721 die erste Kontaktanzeige der Welt. Aber mit ihrem Inserat im "Manchester Weekly Journal" fand sie nicht den Mann fürs Leben, sondern nur den Weg in die Nervenheilanstalt. Heute kommt zum Glück niemand mehr für sein Partnergesuch in die Klapse. Das heißt aber nicht, dass Kontaktanzeigen alle wunderbar geschrieben sind, wie ein Streifzug durch Internet und Zeitungen zeigt.

Es gibt Kontaktanzeigen, die vergisst man nicht. In Berlin las ich in einem Stadtmagazin: "Dreieck sucht Lineal zwecks Parallelverschiebung." Bei dem Inserenten muss es sich um einen ganz gebildeten Zeitgenossen gehandelt haben. Immerhin hat er seiner Anzeige den nötigen Esprit verliehen: Ein sexgeiler Mann mit Hang zur Mathematik - bilde sich, wer Sex will! Klar ist: Für eine erfolgreiche Kontaktanzeige gehört eine ordentliche Portion Kreativität dazu.

Schnuckelbärchen sucht Hutzimutzi

Das weiß, wer regelmäßig solche Inserate liest: Sei es als ewig Suchender, Anzeigenberater oder einfach nur aus Jux. Denn Kontaktanzeigen können ungemein unterhaltsam sein. Bei einem Kneipenabend mal eines der Gratismagazine aus dem Vorraum der Fäkalverrichtungsräume geholt und schon geht der Spaß los: "Puffimuffi-Schnuckelbärchen sucht zuckersüßes Hutzimutzi, das ganz kille-kille-schmuselieb zu ihm ist und dafür sorgt, dass er endlich wieder vernünftig redet!" Oder auch schön: "Mediziner sucht Mädchen mit innerer Schönheit. Röntgenbilder bitte an Chiffre 28934". Ja, es gibt sie wirklich, diese Kontaktanzeigen. Und manchmal habe ich den Eindruck, sie wurden in einer ebenso bierseeligen Kneipenrunde geschrieben, wie sie nun gelesen werden.

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So ausstauschbar wie die Aufschrift auf diesen Lebkuchenherzen: Die Worte "ehrlich", "treu" und "romantisch" gehören zum banalen Repertoire ungeübter Anzeigenschreiber.

So ausstauschbar wie die Aufschrift auf diesen Lebkuchenherzen: Die Worte "ehrlich", "treu" und "romantisch" gehören zum banalen Repertoire ungeübter Anzeigenschreiber.

Die Standards: Treu, ehrlich und romantisch

Was man in diesen bierseeligen Situationen nicht beachtet, sind die gewöhnlichen Anzeigen die aber nicht zwangsläufig tiefsinniger sein müssen. Sie kommen von Menschen, die unnachgiebig die Worte "treu", "ehrlich" und "romantisch" in viel zu kurzen und nichtssagenden Textabschnitten unterbringen. Aber Hauptsache, diese Eigenschaften kommen vor. Ansonsten gäbe es vielleicht Ärger mit dem Anzeigenberater. Der scheint Provision dafür zu bekommen, dass diese immer gleichen Worte abgedruckt werden weil er weiß, dass ihr Erfolg gering ist und der Partnersuchende wieder kommen wird.

Nicht weniger erfolglos klingend, aber ebenso so oft gebraucht, ist das Thema Wetter. Ja, man kann über das Wetter reden. Schon so mancher Smalltalk soll sich von einer leichte Brise zu einem stürmischen Gespräch entwickelt haben. Aber was von Angesicht zu Angesicht funktioniert, gilt nicht für Anzeigen. "Gerade jetzt während der kalten Jahreszeit fällt es am Meisten auf, dass mir einfach die Nähe fehlt...", ist in einer schwulen Community zu lesen. Flieg doch in den Urlaub, möchte man diesem Menschen am liebsten entgegen schreien. Dann fällt dir deine Einsamkeit bei schönem Wetter nicht so auf.

Ein Volkshochschulseminar in Marketing könnte helfen

Aber ich halte inne und denke einen kurzen Moment nach. Mir leuchtet ein, was für Menschen solche Texte schreiben: Wer an einem Sonntagnachmittag nachdem er die ganze Wohnung geputzt hat ermattet auf der Fensterbank Platz nimmt und den Blick nach draußen schweifen lässt, der kommt in eine Stimmung, die ihn zu diesen Wettersätzen treibt. Aber sie verfehlen ihren Zweck genauso wie das Berichten von Mängeln.

"Kein Glück gehabt bisher", "fühle mich einsam" und "nach der größten, schwersten und schmerzhaftesten Enttäuschung meines Lebens" schreiben traurige und verzweifelt Suchende gern in ihre Anzeigen rein und drohen damit zu scheitern. Nur ein kleiner Volkshochschulkurs in Marketing würde ihnen zu besseren Chancen verhelfen. Denn dort ließe sich lernen, dass man Produkte nicht mit ihren Nachteilen bewirbt. Wer will schon Mängelware kaufen? 

Nein, so wird das nichts! Wer ernsthaft einen Partner sucht, der muss seine Anzeige gewissenhaft schreiben. Der Text sollte wohldurchdacht, persönlich und ohne Rechtschreibfehler sein, dafür aber umso mehr Esprit enthalten.  Denn eine Kontaktanzeige ist wie das erste Date: You never get a second chance for the first impression!

Dieser Artikel erscheint in Zusammenarbeit mit dem  Magazin
"out!" des schwul-lesbischen Jugendnetzwerk Lambda e.V.

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