Zwischen den Stühlen

Redaktion Von Redaktion

Etwa jedes zweitausendste neugeborene Kind ist intersexuell - seine Genitalien lassen sich nicht eindeutig eiinem Geschlecht zuordnen. Die Eltern müssen sich von der Vorstellung lösen, unsere Welt ließe sich sauber in zwei Geschlechter trennen.

"Es ist ein Junge." Mit einem routinierten Blick zwischen die Beine stellt die Hebamme das Geschlecht des Neugeborenen fest. Aber bei etwa jedem 2000. Kind kann sie es den Eltern nicht sagen, weil sich die Genitalien nicht eindeutig einem Geschlecht zuordnen lassen. Diese Kinder sind intersexuell. Ihre Eltern, die sich neun Monate auf einen kleinen Leon oder eine kleine Leonie gefreut haben, müssen sich von der Vorstellung lösen, unsere Welt ließe sich sauber in zwei Geschlechter teilen.

Wie kann Intersexualität aussehen?

Intersexualität tritt in sehr vielen Formen und Ausprägungen auf. Intersexuell ist laut der Forschungsgruppe "Vom Gen zur Geschlechtsidentität" aus Lübeck und Hamburg, bei wem das Erbmaterial, die Genitalien und das äußere Erscheinungsbild nicht zusammen passen. Das kann in der Praxis ganz unterschiedlich aussehen. Männer mit dem "Klinefelter-Syndrom" beispielsweise tragen zu den typischen männlichen Geschlechtschromosomen XY ein zusätzliches weibliches X-Chromosom. Die XXY-Paarung führt in der Pubertät zu einer verringerten Ausprägung männlicher Geschlechtsmerkmale, kann aber auch andere Folgen wie Antriebsarmut und Lernschwierigkeiten hervorrufen. Frauen mit dem "Ullrich-Turner-Syndrom" hingegen besitzen nur ein einfaches X-Chromosom anstatt der typischen XX-Kombination. Aufgrund des fehlenden Chromosoms entwickeln sich Brüste und Eierstöcke nur eingeschränkt. Die Frauen sind daher unfruchtbar.

Daneben gibt es auch intersexuelle Menschen, deren Erbmaterial nur an einigen Stellen verändert ist. Allerdings ist ihr Stoffwechsel dadurch so verändert, dass Hormone, die für die sexuelle Entwicklung wichtig sind, von ihrem Körper nicht verarbeitet werden können. Intersexuelle mit "kompletter Androgenresistenz" haben einen männlichen Chromosomensatz und Hoden, die männliche Sexualhormone (Androgene) produzieren. Damit diese Hormone ihre Aufgabe erfüllen können, etwa das Wachstum des Penis oder des Bartes zu beeinflussen, müssen die Körperzellen diese Hormone erkennen können. Bei Menschen, die von kompletter Androgenresistenz betroffen sind, funktioniert dieser Mechanismus nicht: Ihre Zellen sind resistent gegenüber den Androgenen. Sie sehen aus wie Frauen, haben sogar eine Schein-Vagina, allerdings ohne Eierstöcke und Gebärmutter. Und das, obwohl sie genetisch Männer sind.

Es gibt vielfältige weitere Abweichungen vom typischen Bild von Mann und Frau. Echte "Zwitter" mit voll ausgebildeten männlichen und zusätzlichen weiblichen Geschlechtsmerkmalen sind allerdings sehr selten. Trotzdem gibt es sie - auch, wenn sie uns in unserer Welt der Geschlechter nicht bewusst sind.

Warum ist Intersexualität so unbewusst?

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) gibt an, dass zirka einer von 600 Männern vom Klinefelter-Syndrom betroffen ist. Eine von etwa 3.000 Frauen leidet am so genannten Turner-Syndrom. Für andere Syndrome sind Zahlen nur sehr schwer bis gar nicht zu finden. Wie viele Intersexuelle insgesamt auf der Welt leben, kann niemand genau sagen. Die Schätzungen reichen von 1 : 100 bis 1 : 2.000; je nachdem, wie man den Begriff "Intersexualität" definiert. Das heißt, dass in Deutschland mindestens 40.000 Intersexuelle leben. Doch warum sind sie so wenig in unserem Bewusstsein? Ein Grund dafür liegt darin, dass die Gesellschaft einen restriktiven Weg im Umgang mit Intersexuellen geht. Insbesondere in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts wurden sie als missgebildet diskriminiert. Durch neue chirurgische Methoden konnte diesem Problem "Abhilfe" verschafft werden allerdings ohne die Betroffenen zu fragen, ob sie das auch wollen.

Menschen, die nicht in das Schema Mann/Frau passten, wurden angepasst. Seit der Mitte des letzten Jahrhunderts stehen dafür medizinische Mittel zur Verfügung. Der US-amerikanischen Arzt John Money stellte in den 50er-Jahren die Theorie auf, dass das "unklare" Geschlecht eines betroffenen Kindes vor dem zweiten Geburtstag operativ korrigiert werden müsse. Er ging davon aus, dass bis dahin die Geschlechtsidentität weitgehend festgelegt sei. Zudem empfahl er, Kinder mit auffallend kleinem Penis operativ als Mädchen "festzulegen" und sie als solche zu erziehen. Eine Identifikation mit dem männlichen Geschlecht sei ihnen unmöglich. Das Vorgehen sollte den Eltern Sicherheit geben, wie sie mit ihrem intersexuellen Kind umgehen sollen. Die operativen Eingriffe und die Diagnose sollten dem Kind außerdem verschwiegen werden. Lange Zeit behandelte man Intersexuelle nach diesen Empfehlungen.

Heute wird dieses Verfahren heftig kritisiert, sowohl von Interessengruppen als auch von Ärzten. Viele Betroffene berichten von körperlichen und seelischen Spätfolgen wie dem Verlust sexueller Erlebnisfähigkeit. Die Hamburger Forschergruppe "Intersexualität" empfiehlt daher, Intersexuelle über ihre Situation aufzuklären und sie mitentscheiden zu lassen, welche medizinische Behandlung in Anspruch genommen werden soll. Entscheidungen über geschlechtsanpassende Operationen sollten nicht voreilig getroffen werden.

Neben diesen schwierigen Entscheidungen gibt es für Intersexuelle noch ganz andere Hürden. Unsere Welt ist auf zwei Geschlechter ausgerichtet. In Formularen, in der Geburtsurkunde, bei Versicherungen oder bei Mitgliedschaften in Vereinen überall bleibt die Festlegung auf das männliche oder das weibliche Geschlecht. Ein Dazwischen gibt es nicht. Nicht in der Sportumkleide, nicht im Kaufhaus, nicht beim Heiraten.

Wie gehen andere Kulturen mit Intersexuellen um?

Dass ein anderer Umgang mit Intersexualität möglich ist, zeigen Beispiele aus Indien und Nordamerika. In der indischen Gemeinschaft der Hijras leben viele Intersexuelle. Sie werden als Gruppe mit drittem Geschlecht verstanden. Allerdings sind ihnen nur wenige Berufe zugänglich. Sie treten als Exoten zu Feierlichkeiten mit Tänzen und Segnungen auf. Bei einigen indianischen Stämmen in Nordamerika stellen Intersexuelle die Schamanen. Ihnen wird eine enge Verbindung zu den Gottheiten nachgesagt, da sie beide Geschlechter in sich vereinen. Allerdings führt auch diese besondere Rolle zur Ausgrenzung.

Aus heutiger Sicht war das ehemalige Preußen im Umgang mit Intersexuellen nahezu fortschrittlich. Das "Allgemeine Landrecht" stellte es ihnen frei, sich bis zur Volljährigkeit für ein Geschlecht zu entscheiden.

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