"Der Film soll dazu beitragen, dass es egal ist, wen man liebt"

Fabian Schäfer Von Fabian Schäfer
"Der Film soll dazu beitragen, dass es egal ist, wen man liebt"
Universum Film / Tom Trambow

Am 10. November kommt "Die Mitte der Welt" ins Kino. Im dbna-Interview erklärt Regisseur Jakob M. Erwa, wieso der Film nicht allen gefallen wird, wieso er ausgerechnet in Moskau Premiere feierte und ob dem Autor Andreas Steinhöfel die Verfilmung gefällt.

Jakob, wie bist du darauf gekommen, "Die Mitte der Welt" zu verfilmen?

Ich habe das Buch selbst damals kurz nach Erscheinen gelesen und war total geflasht. Es ist etwas ganz Einzigartiges, hat eine besondere Sprache, außergewöhnliche und vielschichtige Charaktere mit Sonnen- und Schattenseiten wie im echten Leben. Das Buch hat einen tollen, selbstverständlichen Umgang mit Homosexualität. Das hat mich beeindruckt und mir auch selbst geholfen.

Doch die Filmrechte waren schon vergeben

Genau, ich habe Andreas Steinhöfel damals da war ich gerade junger Filmstudent geworden mit 20 danach gefragt, aber da waren die Filmrechte schon lange weg. Acht Jahre lang habe ich ihn dann genervt, E-Mails geschrieben und angerufen, und er hat mir immer geduldig den aktuellen Stand erzählt. Nach acht Jahren da hatte ich schon meinen ersten Kinofilm gedreht ("Heile Welt", 2007, Anm.) rief er mich an und sagte, die Rechte seien wieder frei und wenn ich immer noch Interesse hätte, dann dürfte ich jetzt ran.

Andreas Steinhöfel hat mir alle Freiheiten gegeben. Da gab es noch keinen Produzenten oder Verleih, das heißt, ich konnte den Film schreiben, wie ich es gespürt habe, konnte meinen eigenen "Fanfilm" machen. Grundlegend wichtig war aber, dass Andreas und ich zuerst mal zusammen definieren, was wir als Herz und Geis des Buches sehen.

Was ist denn der Geist des Romans?

Im Grunde die Suche nach sich selbst, nach seiner Mitte. Die ist immer davon abhängig, wo man steht und was einem wichtig ist. Die Mitte verändert sich meines Erachtens mit dem Erwachsenwerden: Am Anfang ist die Familie deine Mitte, die dich beschützt, und später ist das vielleicht eine Beziehung oder eigene Kinder. Bei Phil verändert sich das auch, aber seine Familie wird immer eine Basis bleiben.

Ein Hauptthema ist auch die Konfrontation und sowohl für Andreas [Steinhöfel] als auch für mich gibt es eine ganz wichtige Metapher: Das Leben als Haus mit vielen Türen. Man kann nicht in allen Räumen gleichzeitig leben. Und wenn es Sorgen oder böse Erinnerungen gibt, kann man die in einen Raum einsperren. Aber man soll den Schlüssel nicht wegwerfen. Denn es kann sein, dass man später mal genau durch dieses Zimmer muss, um sich weiterzuentwickeln.

Wenn davor schon jemand acht Jahre lang versucht hat, aus dem Roman ein Drehbuch zu schreiben, und daran gescheitert ist: Wie groß war der Druck, dass du es schaffst?

Ich habe versucht, mich davon nicht unter Druck setzen zu lassen. Ich wollte auch die anderen Drehbücher nicht lesen. Von Anfang an wusste ich, dass es bei Romanverfilmungen immer Leute geben wird, die den Film nicht mögen werden. Weil sie ihre eigenen Bilder im Kopf haben werden, denn jede Leserin und jeder Leser entwickelt eigene Bilder.

Ganz viele schreiben mir aber nachdem sie den Film gesehen haben, dass sie es sich genau so vorgestellt haben, andere wiederum sagen, dass sie es sich anders vorgestellt hatten, aber den Film trotzdem sehr genießen konnten. Weil sie eben diesen Geist des Buches wiedergegeben finden. Das ist eine wunderbare Bestätigung.

Das Buch ist aus dem Jahr 1998. Ist es überhaupt noch aktuell?

Ja, es ist brandaktuell. Es ist eine Geschichte über die Familie und die Liebe, und das wird immer aktuell sein. Während ich an dem Film gearbeitet habe, war ich öfter in Buchhandlungen und habe nach dem Buch gefragt. Da haben sie mir geantwortet, dass der Roman ein Evergreen ist, das geht seit 18 Jahren immer weg. Wahnsinnig bestätigt hat mich das auch beim Casting: Wir haben über 1200 Jugendliche gecastet, da kamen viele auch Mädchen! die gesagt haben, wie wichtig das Buch für ihr Leben und ihre Entwicklung war. 

Wieso war das Buch so wichtig für sie?

Viele wurden bestärkt, ihren Weg zu finden. Vielen hat das Buch durchs Coming-Out geholfen. Aber ganz allgemein ist das Buch ja ein Lobgesang auf das Unangepasstsein. Das ist eine ganz wichtige Botschaft, nicht nur, aber auch für jung Leute. Macht euer Ding, tut anderen nicht weh, aber lebt, wie es sich für euch richtig anfühlt. Gerade in einer Zeit, in der es so viel Normierung und Schubladendenken gibt, finde ich es ganz wichtig, solche Filme zu haben.

Dir ist es wichtig zu betonen, dass "Die Mitte der Welt" kein Coming-out-Film ist. Wieso?

Weil ich finde, dass wir in der Gesellschaft weiter sind. Es gibt tolle Coming-out-Filme und ich schaue die auch selbst gerne. Aber "Die Mitte der Welt" ist ein Film mit schwulen Protagonisten, wo das Schwulsein eben nicht das Hauptthema, sprich das Problem ist. Homosexualität ist nun mal einfach nicht nur problematisch und deshalb darf es nicht nur Problemfilme darüber geben.

Ist es denn ein schwuler Film?

Wozu die Schublade? Es ist ein Liebes- und Familienfilm und zufällig ist der Protagonisten schwul. So what?, kein Riesending. Je normaler wir dem Thema begegnen, desto normaler wird es auch wahrgenommen. (Kurze Pause). Das ist mir echt wichtig im Sinne der Emanzipation der Schwulen. 

Für wen hast du "Die Mitte der Welt" gemacht?

Für alle Menschen, die sich gerne im Kino berühren lassen, lachen, weinen, eine gute Zeit haben auch wenn das bescheuert klingt (lacht). Natürlich haben wir mit dem Film, und das ist mir auch wichtig zu betonen, der queeren Community die Hand ausgestreckt, was offensichtlich in den ersten Screenings positiv aufgenommen wurde. Und "Die Mitte der Welt" hat gerade auf dem größten und wichtigsten queeren Filmfestival Deutschlands, den Lesbisch Schwulen Filmtagen Hamburg, den Publikumspreis gewonnen. Wieder eine irre tolle Bestätigung für uns!

Aber es ist kein Nischenfilm nur für eine queere Community. Ich will zeigen, dass schwule Figuren auch weit über die Szene hinaus ein breites Publikum interessieren können. Der Film soll ein kleines bisschen dazu beitragen, dass es egal ist, wen man liebt.

Universum Film / Tom Trambow
Jakob M. Erwa (2. v.r.) mit Louis Hofmann (r.) und Jannik Schürmann (3. v.r.)

Jakob M. Erwa (2. v.r.) mit Louis Hofmann (r.) und Jannik Schürmann (3. v.r.)

Der Film hatte Premiere in Moskau. Wie kam es dazu?

Das Filmfestival in Moskau, eines der wichtigsten internationalen Festivals, hat schon früh Interesse an dem Film signalisiert. Das war super spannend für uns, weil das politischen Sprengstoff geben könnte. Wir haben das dann beobachtet und dann kam tatsächlich die Einladung. Ich bin nach Moskau es war super dort! Das Medieninteresse war enorm und sogar größer als beim Eröffnungsfilm.

Es gab auch Journalisten, die geschrieben haben, der Film wäre schwule Propaganda. Einer hat mich bei der Pressekonferenz gefragt, wie ich erzogen wurde, dass ich so einen Film mache. Ich habe geantwortet, dass ich so erzogen wurde, dass ich lieben kann, wen ich möchte. Da gab es dann sogar kurzen Applaus. Ich glaube, dass in Russland in der normalen Bevölkerung eine größere Offenheit herrscht, als man hierzulande denkt.

Was ist denn deine Lieblingsszene?

(Überlegt lange). Das hat noch keiner gefragt (lacht). Eine Szene, die ich wirklich sehr gern mag, ist in der Filmmitte, als Phil, Kat und Nicholas zu dritt einen Tag am See verbringen. Die haben die Schauspieler mit einer GoPro (einer Actionkamera, Anm. d. Red.) selbst gedreht, weshalb das Team einen halben Kilometer weg musste, weil wir sonst im 360-Grad-Bild gewesen wären. Dann habe ich die drei spielen lassen. Das war wahnsinnig schön. Vielleicht nicht für die Schauspieler, denn es hatte 18 Grad und war arschkalt (lacht).

Was hat denn Andreas Steinhöfel zum Film gesagt?

Ich habe ihm den ersten Rohschnitt geschickt. Schon am nächsten Tag hat er angerufen und gefragt, ob ich mal zwei Minuten Zeit hätte. Da hatte ich schon Angst. Aber er hat gesagt, er liebe diesen Film, und dass er natürlich davor die eine oder andere Sorge hatte. Aber alle Ängste und Sorgen waren unbegründet, meinte er. Wie geil, wenn sich der Schöpfer des Werkes bei dir bedankt, dass du sein Buch so verfilmt hast. Ich hatte echt Gänsehaut. Und ich hoffe, dass es den Zuschauerinnen und Zuschauern nicht anders gehen wird.

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