Der wundervolle einzige Kuss

Fabian Schäfer Von Fabian Schäfer
Der wundervolle einzige Kuss
Pro-Fun Media

Andrés befindet sich in einer schwierigen Zeit: Sein Lieblings-Rockstar stirbt, seine Familie nervt und er verguckt sich in einen Mann. Der Film "Dem Himmel so nah" erzählt eine Geschichte, wie sie wirklich passieren könnte: authentisch und mit Höhe- und Tiefpunkten.

Als der Punkrockstar Ricardo Pagani stirbt, ist das für den jungen Andrés (Enrique Lunazzi) ein Schock. Ausgerechnet der Frontmann seiner Lieblingsband Noche Negra ist tot. Seine Mutter schleppt ihn daraufhin zu einer kirchlichen Jugendgruppe, damit ihr Junge nicht vereinsamt und neue Leute kennenlernt.

Doch Andrés ist weniger an den Gesprächsrunden interessiert, viel mehr reizt ihn die Band, die nebenan probt. Er verschwindet aus dem Stuhlkreis, folgt der Musik, öffnet schüchtern die Tür. Er schaut sich um, sein Blick bleibt beim Gitarristen Aléx (Mauro Haramboure) hängen. Es knistert sofort, aber nur ganz leise und behutsam.

Überhaupt liegt darin die Stärke dieses Films: Er erzählt langsam und sachte, dafür aber umso eindrucksvoller. Er deutet an und überlässt uns Zuschauern, diese Andeutungen weiterzuspinnen, ohne uns zu überfordern. Dabei folgt der argentinische Film einer Dramaturgie, die vom klassischen Spannungsbogen abweicht: Für einige wird zu lange nichts passieren, die Handlung kommt nicht in Fahrt. Es plätschert vor sich hin.

Andere werden davon begeistert sein: Ein Film, der wie das Leben spielt, ganz normal, unaufgeregt. Wir sehen ein Leben, wie es wahrscheinlich überall und jederzeit vorkommt. Der sensible Teenager Andrés steckt mitten in der Pubertät, wird von seinen Geschwistern und seiner Mutter genervt, jobbt für ein Restaurant, indem er im Schaumstoffkostüm Flyer verteilt.

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Andrés redet wenig, wir spüren seine Unsicherheit. Er will ausbrechen, ohne aber zu wissen, wohin. Er will, ohne zu wissen, was er will. Und dazwischen ist immer wieder dieser unheimlich gut aussehende Gitarrist, zu dem er sich so hingezogen fühlt. Aléx ist mehr als ein hübscher junger Mann.

Seine lockere, ganz entspannte Art, der Drei-Tage-Bart, die Muse beim Gitarrespielen, seine kurzen Blicke. Und auch hier deutet der Film mehr an, als er zeigt. Dieser Effekt wird unterstützt durch sorgfältig eingesetzte Momente, in denen die Kamera unscharfe Bilder zeigt. Diese subjektive Sicht von Andrés tritt an besonderen Stellen auf; immer dann, der Hauptdarsteller sich unwohl oder überrascht fühlt.

Er weiß nicht ganz weiter, sein Blick verschwimmt. Es passiert etwa, als er Aléx zum ersten Mal sieht. Was er da spürt, kann er nicht einordnen, diese Empfindungen sind neu, fühlen sich gut an, doch kann er sie nicht einordnen. Zum Glück wird mit diesem Stilmittel sparsam umgegangen, genau an den richtigen Stellen eingesetzt.

Anders verhält es sich mit 180-Grad-Kameraschwenks: Zu Hause, im Auto, im kirchlichen Stuhlkreis. Am Ende muss dem Kamerateam schwindelig gewesen sein. Auf Dauer nervt das leider und stört das sonst angenehme Filmvergnügen.

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Dieses Vergnügen, die Lust am Film, kommt aber schnell wieder. Spätestens als sich die beiden zufällig auf einer sonst eher langweiligen Party treffen, beginnt das Spiel von Andeutung und verstohlenen Blicken von vorn. Das Ganze gipfelt darin, dass sich beide vom Geschehen abseilen. Sie kommen sich langsam näher, wieder diese Unsicherheit, doch beide werden im entscheidenden Moment gestört. Trotzdem war das ein innerer Schlüsselmoment, den Andrés sogleich auch nach außen trägt.

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Er sticht sich selbst ein Zungenpiercing, es fließt Blut. Die Entschlossenheit im Blick, widersetzt er sich dem Verbot seiner Mutter, es in ihrer Gegenwart zu tragen. Der schüchterne Junge hat sich entwickelt. Bezeichnend für diese Weiterentwicklung ist jedoch, dass sich das Piercing entzündet. Der Anfang ist gemacht, aber es fehlt noch ein bisschen, um perfekt zu sein.

Erst ganz am Ende werden wir Zuschauer belohnt. Bei einem Konzert zum Gedenken an den verstorbenen Rockstar spielt auch Aléx mit seiner Band. In einer Pause treffen sich er und Andrés zufällig auf der Toilette. Die Frage "bist du alleine hier?" beantwortet einer der intensivsten und ergreifendsten Küsse der schwulen Filmgeschichte.

Die kurze Duschszene danach deutet wieder mehr an als sie verrät. Wir sehen nur Andrés Oberkörper. Wir sehen weder, wo er ist, noch, ob er alleine duscht. Am Ende jedoch wissen wir, wie einfach und unspektakulär ein guter Film sein kann.

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Weitere Quellen: Dieser Artikel erscheint in Zusammenarbeit mit dem Magazin out!, Pro-Fun Media