Die Jungs vom Bahnhof Zoo

Falk Steinborn Von Falk Steinborn
Die Jungs vom Bahnhof Zoo
Basis-Film Verleih

Sie heißen Lionel, Daniel oder Nazif und kommen aus Deutschland, Rumänien und Bosnien. Aber trotz verschiedener Herkunft, haben sie eine gemeinsame Vergangenheit: In ihrer Jugend haben sie sich am Bahnhof Zoo in Berlin prostituiert.

Die Wege dahin sind verschieden, aber sie sind allesamt tragisch: Daniel beispielsweise kommt als Kind in ein Heim, weil seine Mutter ihn und seine Brüder misshandelt. Später knackt er mit anderen Jungs Autos und wird dabei erwischt. Mit 16 dann bringt ihn ein Freund zum Strich. "Und dann hatte ich die ersten 100 Mark in der Hand Mensch, wow!", sagt Daniel über seine erste Erfahrung als Sexworker. Das schnelle Geld für die Nummer mit einem Freier auf der Herrentoilette eines Pornokinos  ist  für den damals Minderjährigen verführerisch.

Aber das Business birgt neue Gefahren wie etwa Drogen, Geschlechtskrankheiten und  Gewalterfahrungen. Einige Jungs überleben die Zeit auf dem Strich nicht, andere werden einfach zu alt für das Geschäft und "verschwinden dann", wie es der Wirt einer Berliner Stricherbar nüchtern auf den Punkt bringt. Trotzdem ist die Szene für die Stricher auch gleichzeitig eine Community und Bekanntenkreis, der umso wichtiger ist, da sie sozial isoliert oder fernab der Heimat sind - wie Rosa von Praunheims Doku "Die Jungs vom Berliner Zoo" zeigt.

Basis-Film Verleih

Alles Menschen: Von Praunheim verurteilt die Stricher und Freier nicht

Das Bemerkenswerte an ihr sind zweierlei Dinge: Praunheim schafft es, in die Stricherszene in Berlin einzusteigen und die mittlerweile erwachsenen Männer vor die Kamera zu holen. Das ist beachtlich immerhin geben sie sich so einer großen Öffentlichkeit preis aber das allein ist es noch keine Meisterleistung. Diese besteht vielmehr darin, dass sich Praunheim den Männern und ihrer Vergangenheit nüchtern annähert. Er ist kein Voyeurist, der bis ins kleinste Detail wissen will, was die Jungs für welchen Preis und zu welchen Konditionen gemacht haben. Das bleibt vage.

Es interessiert ihn auch nicht als moralische Instanz aufzutreten und die Stricher, ihre Umstände oder die Freier zu beurteilen. Von Praunheim verzichtet deshalb konsequenter Weise auch auf einen Kommentar aus dem Off. Er will einfach nur erfahren, wie die Jungs in die Prostitution geraten sind und zeichnet ihre Lebenswege nach wie im Fall von Lionel sogar bis nach Rumänien in ein Dorf, in dem für die jungen Männer die Prostitution in Deutschland zu einer vorgezeichneten Biografie gehört.

Der zweite Verdienst Praunheims ist es, dass er auch die andere Seite zeigt die der Freier. Ein Berliner erzählt von seiner sexuellen und auch amourösen Beziehung zu Flüchtling Nazif. Der Schauspieler und Regisseur Peter Kern spricht vor der Kamera über sein Interesse an Jungen zwischen 16 und 22 Jahren und deren Sexdienstleistungen er auch gegen Bares in Anspruch genommen zu hat.

Insofern ist es folgerichtig, dass "Die Jungs vom Bahnhof Zoo" mit gleich zwei wichtigen Filmpreisen ausgezeichnet wurde: dem queeren Teddy-Award auf der 61. Berlinale und dem Grimme-Preis 2012. Rosa von Praunheim schreibt dazu im "Tagebuch" seiner Homepage: "Hurrrrahh, habe den Grimmepreis für meinen Film- Die Jungs vom Bahnhof Zoo- bekommen. [] ich habe in meinem Leben selten Preise bekommen, weil meine Filme für Cineasten formal zu roh sind, um es vornehm auszudrücken".

Das ist zugleich der Kritikpunkt an Praunheims Film: Ästhetisch ist er kein Freudenwerk, was vor allem zu Beginn spürbar ist. Die Bilder sind nicht durch aufregende Aufnahmen geschmückt, vereinzelt wirken sie inszeniert und treiben die Handlung auf der visuellen Ebene kaum voran.  Interviewsequenzen folgen auf Interviewsequenzen. Trotzdem verstricken sich die verschiedenen Lebenswege allmählich durch geschickte Montage und verdichten sich so zu einem spannenden 90-minütigen Dokumentarfilm.

dbna.newsletter
Bleibe immer up-to-date.
Abonniere unseren wöchentlichen Newsletter!