Die schwulen Wurzeln Woodstocks

Redaktion Von Redaktion
Die schwulen Wurzeln Woodstocks
Universal/DVD/Tobis

Love, Peace and Rock'n'roll - das war Woodstock. Aber galt das auch für Männer die Männer lieben? "Brokeback-Mountain"-Regisseur Ang Lee spürt zumindest die schwulen Wurzeln Woodstocks auf.

Das El Monaco Motel in Bethel, New York, ist heruntergewirtschaftet. Denn die russisch-jüdische Immigrantin Sonia Teichberg (Imelda Staunton) ist eine Schreckschraube und ihr Ehemann Jake (Henry Goodman) resigniert. Sie führt den Laden abschreckend knauserig und ruppig und vergrault sogar den letzten Gast, obwohl die Bank ihnen das Motel abzunehmen droht. Und die abgedrehte Hippie-Theatergruppe, die in der Scheune probt und übernachtet, bringt auch nichts ein.

Obwohl Sohnemann Elliot (Demetri Martin) in New York City wohnt und gern Innenausstatter wäre, kehrt er zurück nach Bethel, um die Eltern vor dem Ruin zu bewahren. Ihm gelingt es, der Bank einen letzten Kreditaufschub abzuschwatzen. Gleichzeitig ist Elliot der Vorsitzende der örtlichen Handelskammer. In einer Bürgersitzung wird sein alljährliches, als Kammerkonzert geplantes Festival, genehmigt.

Der richtige Film?

Was haben die schrulligen Charaktere und Elliots Minifestival mit Woodstock zu tun? Der beinahe zotige Ton am Anfang von "Taking Woodstock" erweckt den Eindruck, Ang Lees neues Meisterwerk sei eine Parodie auf den Mythos Woodstock. Aber dann schlägt Elliot eines Morgens die Zeitung auf: Das nahe gelegene Wallkill hat ein Open-Air-Musikfestival untersagt. Mit seiner Festivalerlaubnis in der Tasche schlägt er dem Veranstalter Michael Lang (Jonathan Groff) vor, dessen Woodstock Music & Art Fair auf dem Motelgrundstück zu veranstalten. Doch die 15 Hektar Land entpuppen sich als Sumpfgebiet.

Elliot stellt  Lang deshalb den Milchbauern Max Yasgur (Eugene Levy) vor. Dessen Weideland ist der perfekte Veranstaltungsort und Yasgur verlangt lediglich 5000 Dollar. Lang mietet das komplette El Monaco als Festivalzentrale an und zahlt im Voraus und in bar. Damit erwacht nicht nur Sonias Geschäftssinn, sondern auch der Widerstand vieler Einwohner BethelsDenn bald wird bekannt, dass fast 100.000 Besucher erwartet werden. Yasgur verlangt daraufhin mehr Geld und eine mafiöse Bande will die Teichbergs um Schutzgeld erpressen. Wie groß Woodstock tatsächlich wird, ahnt zu diesem Zeitpunkt natürlich noch niemand

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Wer sich erinnert, war nicht dabei!

Verstopfte Straßen, viel nackte Haut, freizügige Liebe, Blumen im Haar, Haschkekse und psychedelische LSD-Trips, Spaß im Matsch, kostenlos verteiltes Essen, elektrisierte Gegenstände und legendäre Auftritte von wahren Musikikonen das überlaufene und chaotische Woodstock-Festival Mitte August 1969 war der Höhepunkt der Hippiekultur, zählt zu einem der wichtigsten Momente der Musikgeschichte und hat sich zu einem modernen Mythos entwickelt.

Diesen Sommer feierte Woodstock seinen 40. Jahrestag. Der taiwanesische Erfolgsregisseur Ang Lee, eher bekannt für dramatischere Filme wie "Sinn und Sinnlichkeit", "Tiger & Dragon" oder "Brokeback Mountain", bringt mit seiner sommerlichen Komödie "Taking Woodstock" zum Jubiläum den Zeitgeist des Musikfestivals zurück. Mit großer Detailliebe erschafft er einen 120-minütigen, fabelhaften Film für alle, die sich erinnern wollen, und für jene, die nicht dabei waren, aber gerne gewollt hätten.

Woodstock drückte das unbeschwerte Lebensgefühl der Hippies in Musik aus. In "Taking Woodstock" ist viel Woodstock-Musik zu hören (Janis Joplin, Melanie, Richie Havens, u.v.a.), aber nicht zu sehen. Denn der Film will keine Mosikdoku sein,

Das schwule Woodstock

sondern ein Coming-of-age-Film. Als Vorlage für den Film dient die Autobiographie "Taking Woodstock: A True Story of a Riot, a Concert and a Life" von Elliot Tiber (Teichberg im Film). Und über welchen Aufstand schrieb Tiber? Über den Stonewall-Aufstand, der sechs Wochen vor Woodstock stattfand und den wir alljährlich als CSD feiern. Tiber war einer derjenigen, die sich den Polizeirazzien widersetzten, und ist somit ein Mitbegründer der Schwulenbewegung. So verwundert es nicht, wenn sich plötzlich der Ex-Soldat und auffällige Transvestit Vilma (toll gespielt vom kerligen Liev Schreiber) als Sicherheitsmann anbietet und Elliot im Verlauf des Films offener zu seiner Homosexualität steht. Weil jedoch das Hauptaugenmerk auf das Zustandekommen von Woodstock gerichtet ist, bleibt dieses Thema eher marginal.

Dennoch gibt es genug Schmaus fürs schwule Auge: Zum einen geben Elliot-Darsteller Demetri Martin und Jonathan Groff als süßer, lockenköpfiger Veranstalter ihr gemeinsames Filmdebüt. Zum Anderen ist "Watchmen"-Beau Jeffrey Dean in einer kleinen Nebenrolle zu sehen. Der Hinkucker ist jedoch Elliots zotteliger Jugendfreund und gestörter Vietnamveteran Billy, gespielt von Emile Hirsch (auch zu sehen in "Milk").

Weitere großartige Darsteller und ausgelassene Freude machen diesen Film perfekt für einen (schwulen) Filmabend.

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