Du sollst nicht lieben

Fabian Schäfer Von Fabian Schäfer
Du sollst nicht lieben
Edition Salzgeber

Was passiert, wenn sich ultraorthodoxe Juden ineinander verlieben, zeigt "Du sollst nicht lieben". Ein bewegender Film über tabuisierte Liebe und Leidenschaft.

Jerusalem. Mea Shearim, ein ultraorthodoxes Stadtviertel in Jerusalem. Männer tragen hier lange Bärte, die traditionelle Kopfbedeckung Kippa und den so typischen schwarzen Hut. Ein junger, gut aussehend Student flüchtet vor dem Regen in eine Metzgerei. Der Fleischer Aaron hat sie erst vor Kurzem von seinem verstorbenen Vater übernommen. Beide sind orthodoxe Juden. Als der Student Ezri ihn nach einer Anstellung fragt, lehnt Aaron zuerst ab. Nachdem er ihn jedoch am nächsten Morgen beim Schlafen in der Synagoge sieht, bietet er ihm doch eine Stelle und ein Zimmer über dem Laden an. Die beiden verbringen jetzt viel Zeit miteinander: Tagsüber arbeiten sie zusammen, abends studieren sie gemeinsam die Thora, die heiligen Bücher des Judentums. Aaron lädt seine Aushilfe auch zu seiner Familie ein, um gemeinsam den Sabbat zu feiern. Immer wieder treffen sich die Blicke der beiden, es beginnt zu knistern. Zunehmend wundern sich Mitglieder der Gemeinde über Ezri und dessen Herkunft. Sie raten Aaron, ihn zu entlassen und wegzuschicken.

Edition Salzgeber

Für den Metzger ist das mittlerweile undenkbar: Er hat sich in den jungen Studenten längst verliebt. Es beginnt auf beiden Seiten ein Konflikt zwischen Glauben, Gewissen und Gefühlen. Auf dem Dach der Metzgerei nähern sie sich an, doch Aaron sieht darin nur eine besondere Herausforderung von Gott. Doch die Zweifel wachsen, schließlich können sich beide nicht mehr gegen ihre Gefühle wehren. Sie küssen sich im Laden. Aaron verhält sich seiner Frau Rivka zunehmend merkwürdig, woraufhin sie Verdacht schöpft. Er muss seine Ehefrau anlügen, doch sie kommt dahinter. Auch der Druck der ultraorthodoxen Gemeinde wird immer größer. Sie fordert Aaron auf, den Jungen endlich wegzuschicken, andernfalls drohen sie mit einem Boykott seiner Metzgerei. In einem Gespräch mit dem Rabbiner sagt Aaron, er könnte Ezri nicht wegschicken. Er sei nun endlich lebendig, davor wäre er tot gewesen. Daraufhin ohrfeigt der Rabbiner ihn und geht. Ezri wird auf offener Straße von Mitgliedern der Gemeinde verprügelt und verlässt die Stadt, obwohl Aaron ihn zum Bleiben überreden will.

Edition Salzgeber

Der Film aus dem Jahr 2009 erregte großes Aufsehen: Eine schwule Liebe unter ultraorthodoxen Juden war bis dahin ein Tabuthema. Das Drama stellt Fragen über menschliche Grundbedürfnisse auf der einen Seite der Glaube, auf der anderen Seite die Liebe und das sexuelle Verlangen. Doch was passiert, wenn diese beiden Bedürfnisse sich widersprechen und unvereinbar sind? Für Aaron wie für Ezri gibt es kein entweder - oder. Sie versuchen, beides miteinander zu vereinbaren und müssen scheitern, weil der Druck der Gemeindemitglieder, die Repressionen und die Gewalt zu groß sind. Sie beugen sich den Forderungen der Gesellschaft, obwohl es ihnen das Herz bricht.
Die besten Szenen im Film sind die, die der Zuschauer nicht sieht. Vieles wird nur angedeutet und die Idee gezündet. Die Bilder müssen wir vervollständigen. Das führt, vor allem in den Liebesszenen, zu einer besonders sanften und erotischen Stimmung. Blicke sagen hier mehr als es nackte Haut könnte - vor allem bei den schönen Augen des Hauptdarstellers Ran Danker.

Edition Salzgeber

Die vielen Emotionen von Liebe über Enttäuschung, Verzweiflung und Hass bis hin zu Trauer stellt das Drama gekonnt dar. Nie wirken die Schauspieler unauthentisch. Heiteres Singen am Sabbat, sinnliche Küsse am nächsten Tag oder betrübte Stimmung am Grab von Aarons Vater. Die geballte Ladung an Gefühlen des täglichen Lebens wird hier spürbar und reißt mit.
Die Metzgerei als Dreh- und Angelpunkt der Geschehnisse scheint nicht zufällig ausgewählt zu sein. Hier lernen sich Aaron und Ezri kennen, hier verlieben sie sich, küssen einander, aber hier wird Aaron auch geohrfeigt. Ein Ort des Todes von Tieren, an dem viel Blut zu sehen ist. Gleichzeitig ein lebenswichtiger Platz für die Einwohner, der sie mit Nahrungsmitteln versorgt. Hier gelingt es, dieses eigentlich gegensätzliche Verhältnis zu vereinbaren. Tod und Leben an einem Ort.
Glaube und Liebe jedoch gelingt noch nicht.

Edition Salzgeber


"Gibt es denn Geschichten von großer, allesumkrempelnder Liebesleidenschaft nur noch unter Schwulen?"
(Süddeutsche Zeitung)

"Nüchterne Präzision und gelassene Schönheit ... so bewegend und bewundernswert ... Tabakman erklundet die Gefühle subtil bis in die Faserspitzen jedes Blicks und jeder Geste ..." (Süddeutsche Zeitung)

"Eine Liebesgeschichte, wie sie so complex und stilsicher schon lange nicht mehr im Kino zu sehen war." (Berliner Zeitung)

Originaltitel: Einayim Pkuhot - עיניים פקוחות
Regie: Haim Tabakman
Buch: Merav Doster
Kamera: Axel Schneppat
Schnitt: Dov Steuer
Musik: Nathaniel Mechaly
Mitwirkende: Zohar Strauss, Ran Danker, Tinkerbell, Tzahi Grad, Isaac Sharry
Genre: Drama, Religion
Produktionsjahr: 2009
Land: D / ISR / F
Länge: 90 Minuten

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Weitere Quellen: In Kooperation mit dem Magazin out!, Edition Salzgeber