Ein Film, den alle Eltern sehen sollten

Falk Steinborn Von Falk Steinborn
Ein Film, den alle Eltern sehen sollten
CMV Laservision

"Prayers for Bobby" erzählt eine wahre Begebenheit: Der junge Bobby stürzt sich von einer Brücke, weil seine strenge religiöse Mutter sein Schwulsein nicht akzeptieren kann. Erst nach seinem Tod realisiert sie ihren Fehler und begibt sich als gebrochene Frau auf eine Sinnsuche.

"Wenn es nach mir ginge, dann würde ich alle warmen Brüder an die Wand stellen und erschießen lassen." Es sind die Sätze wie diese, die Bobby mitten in die Brust treffen. Doch keiner weiß, dass ihm solche Sätze verletzten. Denn Bobby ist das unauffällige Lieblingskind in der Familie Griffith im provinzialen Walnut Creek in Kalifornien. Er ist smart,  intelligent und hat ein tadelloses Image.  Er wär der perfekte Schwiegersohn würde er nicht auf Männer stehen.

Schwulsein ist allerdings in seiner Familie eine Sünde und das bekommt Bobby nach dem Zwangsouting durch seinen Bruder zu spüren. Vor allem seine streng religiöse Mutter, die Samstagskurse in der Kirche gibt, tut deshalb alles, um ihren Sohn wieder auf den rechten Weg zu bringen: Sie zwingt ihn zu einer Psychotherapie, kleistert das Haus mit Bibelzitaten voll und verschafft ihm ungefragt Dates mit Mädchen.  Ihr erklärtes Ziel: "Wir müssen was dagegen unternehmen. Ich werde mein Kind nicht verlieren." Aber mit jedem weiteren Schritt gegen Bobbys Homosexualität stößt sie ihn weiter von sich weg und letztendlich in den Selbstmord.

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Kämpferisch: Nach dem Tod ihres Sohnes setzt sich Marry Griffith vehement für die Recht von Schwulen und Lesben ein.

Kämpferisch: Nach dem Tod ihres Sohnes setzt sich Marry Griffith vehement für die Recht von Schwulen und Lesben ein.

Auf der Suche nach Antworten

"Prayers for Bobby" ist nach einer wahren Begebenheit erzählt.  Am 27. August 1983 stürzt sich der 20-jährige Kalifornier Bobby Griffith von einer Autobahnbrücke. Zuvor hatte er sich über vier Jahre lang gegen sein Schwulsein gewehrt, so wie seine Mutter es verlangt hatte. Was er in dieser Zeit durchgemacht hat, offenbaren seine Tagebücher, die als Vorlage für den Film dienten. 1981 schreibt Bobby in sein Tagebuch: "Gott, hast du Spaß daran zuzusehen, wie ich wie ein Idiot durch diese Welt stolpere?"
Bobbys Mutter, Marry Griffith, begreift erst den Selbstmord ihres Sohnes,  was sie ihm angetan hat. Im Film wird sie eindrucksvoll von Sigourney Weaver gespielt (bekannt aus "Avatar" und "Aliens").  Für diese Rolle wurde sie unter anderem für die "Golden Globes" und die "Emmy Awards" nominiert.  Und das zu recht. Denn Sigourney Weaver verkörpert Bobbys Mutter wahnsinnig authentisch, dass sie Abneigung und Mitleid zugleich erzeugt:  Sie ist die resolute Mutter und religiöse Überzeugungstäterin ebenso wie die verzweifelte und gebrochene Frau, die nach dem Tod ihr Sohnes nach Antworten sucht. Denn nach dem Tod von Bobby ist ihr Ziel klar: "Ich muss Frieden mit dieser Sache schließen."

Einblicke in die Gedankenwelt Bobbys

"Prayers for Bobby" ist aber nicht nur wegen Sigourney Weaver sehenswert. Auch Ryan Kelly (Bobby), der sonst vor allem für TV und Werbung vor der Kamera steht, macht eine gute Figur als Kinodarsteller. Und Regisseur Russel Mulcahy (u.a. Queer as Folk) hat sich auf ein kleines Experiment eingelassen. An einigen wenigen Stellen lässt Mulcahy uns Zuschauer in die Gedankenwelt von Bobby eindringen durch innere Monologe, die mit hektischer Kamera, schnell geschnittenen Bildern und abstrakte Klängen unterlegt sind. Ansonsten bleibt der Film in seiner Machart eher nacherzählend. Die einzelnen Szenen werden nicht unnötig überdramatisiert. Stattdessen versucht Mulcahy eher Episoden einer wahren Geschichte zu erzählen, die in Ihrer Gesamtheit ihre packende Kraft entfalten.

Als ich einem schwulen amerikanischen Freund von "Prayers for Bobby" erzählte meinte er nur: "Ich habe meine Mutter gezwungen, diesen Film zu sehen. Jeder schwule Sohn sollte das mit seinen Eltern tun." Dem ist nicht hinzuzufügen.

Diese Rezension erscheint in Zusammenarbeit mit dem
Magazin "out!" des lesbischwulen Jugendnetzwerkes Lambda.

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