Eine Familie als unerfüllbare Gleichung

Falk Steinborn Von Falk Steinborn
Eine Familie als unerfüllbare Gleichung
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Jeremy ist schwul. Seine Eltern wissen nichts davon, immerhin lebt er seit Jahren in Paris. Als er allerdings auf Stippvisite in die Heimat kommt, rückt er mit der Sprache raus. Das bringt die Eltern und ihr Leben mächtig ins Schwanken.

Abi mit Bestnoten, Umzug nach Paris, Studium im Eiltempo und Karrieresprünge wie beim Hürdenlauf. So liest sich der Lebenslauf von Jeremy. Seine Eltern sind deshalb mächtig stolz auf ihren Sohn. Er ist das Goldkind der Familie, das sich bestens eignet, um vor anderen Eltern zu prahlen. Das ändert sich allerdings schlagartig, als Jeremy eine Neuigkeit verkündet: Er hat einen neuen Job, eine neue 150-Quadratmeter-Wohnung und lebt mit einem Mann zusammen. Ja, richtig, der Goldjunge ist schwul!

Für die Eltern ist es ein Schock. Obwohl das 68er-Paar sich sonst so liberal gibt, sind sie in diesem Fall überfordert. Ihrem Jeremy lassen sie zunächst nicht anmerken. Sie versichern ihm, dass sie ihn noch genauso lieben. Sogar einen Pflichtbesuch statten sie ihm und dem zukünftigen Schwiegersohn in spe ab.

"Glaubst du, er lässt sich sodomieren?"

Aber zurück in ihrer Heimat läuft ihr Leben gehörig aus den Bahnen. Mutter Rosine versucht mehr über Schwule zu erfahren und bedrängt dabei ihren alt-tuckigen und griesgrämigen Redaktionskollegen, der gar nicht erfreut darüber ist. Vater Guy hingegen frisst alle Fragen, nach dem warum, wieso und weshalb in sich hinein und wie das überhaupt mit dem Sex zwischen zwei Männern geht ("Glaubst du, er lässt sich sodomieren?"). Darüber gerät er in eine Midlife-Crisis, in der er sich, sein Leben und seine Ehe in Frage stellt. Die Familie, so stellt Sohn und Finanzmanager Jeremy fest, ist eine "unerfüllbare Gleichung".

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In "Le ciel sur la tete"  (deutsch: "Coming Out mit Hindernissen") ist das Coming-out der Katalysator für eine Familie mit Verschleißerscheinungen. Es bringt ihre Festen ins Wanken. Nicht die Perspektive des schwulen Sohnes steht hier im Vordergrund, sondern was mit den Eltern passiert. Sie müssen  ihrerseits ein inneres und äußeres Coming-out durchmachen, um ihren schwulen Sohn zu akzeptieren. Das ist zwar tragisch und vor allem erwartbar, wird aber auf lustige, teils kuriose Weise erzählt. Vor allem die Schlagabtauche zwischen Mutter Rosine und ihrem schwulen Arbeitskollegen sind mit bösen Spitzen gespickt, die sich trotz Untertiteln gut verfolgen lassen.

Rosine, gespielt von Charlotte de Truckheim, ist zudem der heimliche Star des Films. Von der pflichtbewussten, blassen Mutti blüht sie zu neuer Energie und Jugend auf. Trotz ihres Alters ist sie die schöne und die starke. Es lebe das französische Frauenbild.

Bemerkenswert ist außerdem die Rolle des frechen kleinen Bruders Robin. Er ist der aufgeweckte Teil der Familie, der schon lange vor Jeremys offiziellen Outing eingeweiht war und den Eltern den Spiegel vorhält. Schauspieler Olivier Guéritée füllt diese Rolle mit einer extra-Portion Spitzfindigkeit und Rebellion aus.

Filmisch ist "Le ciel sur la tete" solide. Wer auf Hochglanzbilder à la Hollywood steht, wird diesen Film enttäuscht zur Seite legen. Wer jedoch französisches Kino mag, dass stets mit kleinen Details spielt in diesem Fall kommen alle Familienmitglieder in sprechblasenartigen Monologen zu Wort, der kommt auf seine Kosten.

Einen Trailer gibt es für die deutsche Fassung des Films leider nicht, deshalb zeigen wir euch auf dbna den englischen Trailer:

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