Einfach das Ende der Welt

Fabian Schäfer Von Fabian Schäfer
Einfach das Ende der Welt
Shayne Laverdière, Sons of Manual

Zwölf Jahre lang war Louis nicht mehr zu Hause. Sein Besuch hat einen besonderen Anlass: Er will seiner Familie sagen, dass er bald stirbt. Doch die ist viel zu sehr mit sich selbst und den eigenen Problemen beschäftigt.

Es herrscht eine aufgeregte Stimmung. Die Mutter trägt viel zu dickes Make-up, auch die Schwester Suzanne hat sich herausgeputzt. Sie kennt ihren Bruder immerhin fast überhaupt nicht, sie war noch klein, als sie ihn vor zwölf Jahren zuletzt gesehen hat. Doch bald ist es soweit: Louis kommt wieder nach Hause.

Louis, schwul, Mitte 30, mittlerweile erfolgreicher Schriftsteller, betritt das Haus. Wie wilde Ameisen schwirren alle um ihn herum, sie können es noch immer nicht fassen, dass er tatsächlich wieder da ist. Die Familie freut sich, alle reden durcheinander. Der Grund für den plötzlichen Besuch: Louis wird bald sterben. Doch davon weiß noch niemand etwas.

Nach "Mommy" wieder ein komisches Familiendrama

Es beginnt der normale Familienwahnsinn. Die Mutter schwelgt in Erinnerungen und erzählt die immer gleichen Geschichten. Catherine, die Frau von Louis Bruder Antoine, berichtet von ihren Kindern. Ihr Mann kann das nicht mehr hören, er regt sich darüber auf, es kommt zum ersten Streit. Die Zuschauer können dem nicht entkommen, denn es dominiert eine nahe Einstellung. Regisseur Xavier Dolan lässt uns unmittelbar teilhaben an den Gesprächen, er legt den Fokus auf die Menschen und das, was sie sagen, und wie sie reagieren. Näher geht es nicht.

Shayne Laverdière, Sons of Manual
Louis (Gaspard Ulliel) hat sich von seiner Familie entfremdet.

Louis (Gaspard Ulliel) hat sich von seiner Familie entfremdet.

Das Regie-Wunderkind Dolan hat nach "Mommy" (2014) (hier gehts zur dbna-Rezension) wieder ein Familiendrama geschaffen, das konstant zwischen Dramatik und Komik wechselt. Es gelingt ihm, die einzelnen Figuren so zu überzeichnen, dass sie durch ihre bloße Persönlichkeit unterhalten, ohne dass sie lächerlich wirken. Als Vorlage bedient sich Xolan an dem gleichnamigen Theaterstück von Jean-Luc Lagarce aus dem Jahr 1990. Darin wird Louis an Aids sterben; Dolan verzichtet darauf, eine Erkrankung zu nennen.

Sie wollen so sehr eine Familie sein

Im Laufe des Films tun sich mehr und mehr Abgründe auf: Louis hat sich entfremdet von seiner eigenen Familie. Er ist weggezogen, um sein Glück zu finden, und hat dabei die Familie zurückgelassen. "Ich verstehe dich nicht", sagt die Mutter zu ihm, "aber ich liebe dich." Ein Satz, so einfach daher gesagt, der den ersten gemeinsamen Nachmittag seit zwölf Jahren auf den Punkt bringt.

Dabei sieht von außen alles so heil aus: Die Mutter, Suzanne, Antoine und Catherine haben sich schick gemacht. Die Mutter kocht, das Wetter ist gut, das Essen wird im Garten serviert. Das ist die Fassade, die zu bröckeln beginnt, als die Familienmitglieder merken, dass sie gerade etwas aufführen. Sie wollen so sehr eine Familie sein, so wie es früher einmal war, doch es gelingt nicht.

Shayne Laverdière, Sons of Manual
Louis mit seiner Mutter (Nathalie Baye): "Ich verstehe dich nicht, aber ich liebe dich."

Louis mit seiner Mutter (Nathalie Baye): "Ich verstehe dich nicht, aber ich liebe dich."

"Unser Leben ist wirklich merkwürdig", stellt die Mutter fest

Das führt dazu, dass alle viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt sind. Alte Konflikte flammen wieder auf, neue Streitereien nehmen ihren Lauf. Louis kann dabei nur tatenlos zusehen. Er hat nicht viel Zeit, bis er wieder zurück muss zurück in seine Welt. Wie in Fred Zinnemanns Western-Klassiker "High Noon" steht die tickende Uhr immer wieder im Fokus, um diese Vergänglichkeit zu demonstrieren.

Wie passend, dass Xavier Dolans neuer Film kurz nach Weihnachten in die deutschen Kinos kommt. Am Festtagstisch haben nicht wenige ähnliche Szenen erlebt. "Unser Leben ist wirklich merkwürdig", resümiert Louis Mutter bereits ganz zu Beginn des Films. Sie lacht dabei die Gewissheit weg, dass sie es nicht treffender hätte sagen können.

"Einfach das Ende der Welt": Ab 29. Dezember im Kino.

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