„Es gab keinen einzigen guten Zuspruch auf die HIV-Rolle“

Fabian Schäfer Von Fabian Schäfer
„Es gab keinen einzigen guten Zuspruch auf die HIV-Rolle“

Fabian Schäfer

Moustafa Tarraf spielt in der erfolgreichen schwulen Webserie KUNTERGRAU eine besonders schwierige Rolle: Er verkörpert Marcel, der auf schnellen Sex steht und HIV-positiv ist. Viele Zuschauer glauben deshalb, Moustafa habe selbst HIV. Im Interview erzählt er, welche krassen Reaktionen er daraufhin bekommen hat.

Moustafa, bei „Kuntergrau“ spielst du den HIV-positiven Marcel. Wie haben die Zuschauer anschließend auf dich persönlich reagiert?

Viele konnten gar nicht unterscheiden zwischen Rolle und Person. Warum auch immer ist es vielen unklar gewesen, dass Marcel nur eine Rolle ist, und dass Mousti eine ganz andere Person ist. Gerade was HIV angeht, war es oft so, dass Leute mich gefragt haben, wie es mir mit meiner Infektion geht – dabei habe ich ja gar keine Infektion, sondern nur die Rolle. Das war ziemlich erschreckend. Marcel ist ein Freund von schnelllebigem, oberflächlichem Sex. Da wurde ich im Club gefragt, ob ich immer so eine Nutte bin wie in der Serie. Nein! Das ist eine Rolle. Ich spiele jemanden. 

Wie bist du mit solchen Begegnungen umgegangen? 

Immer ganz locker, aber auch, weil das so meine Art ist. Sich daran aufzuhängen, bringt nichts. Deswegen wollte ich die Möglichkeit nutzen, in dem Moment aufzuklären und zu sagen: Leute, das ist nur eine Rolle. Marcel ist nicht Mousti. Ich habe das immer auf eine freundliche, lockere Art gemacht. 

Dir ist das sowohl im echten Leben als auch online passiert. Wie waren die Nachrichten, die du im Internet bekommen hast? 

Sie waren schlimmer als in der Realität. Wenn ich Leute angeschrieben habe, kam zum Teil die Antwort: Ne, du hast ja HIV. Oder es gab Situationen, wo mir gesagt wurde, ich würde lügen, dass ich negativ wäre, denn Marcel ist ja positiv – dass mir unterstellt wurde, ich würde meine Infektion verstecken wollen. Leute reduzieren einen auf die Rolle und im Internet ist es nochmal stärker als im persönlichen Kontakt, weil es anonymer ist. 

Das sind ziemlich negative und abneigende Nachrichten, was HIV angeht. Oder gab es auch gute Reaktionen? 

Also ehrlich gesagt gab es keinen einzigen guten Zuspruch auf die HIV-Rolle. Es war immer negativ, es war immer verbunden mit Vorurteilen, dass ich nie aufpassen würde beim Sex. Das finde ich schade und für die Szene sehr schwierig. HIV bekommt da einen klaren Stempel aufgedrückt. Klar, HIV ist nicht schön, aber wenn man HIV hat, kann man trotzdem damit leben. Das so negativ zu besetzen, finde ich nicht richtig, nicht fair, und gerade in der Community ganz falsch. Wir sind eine kleine Community und statt sich gegenseitig auszugrenzen, sollte man zusammen Hand in Hand arbeiten.

Fabian Schäfer

Christoph Klaes von der Kölner Aidshilfe und Mousti

Christoph Klaes von der Kölner Aidshilfe und Mousti

Hättest du im Vorfeld gedacht, dass solche massiven Reaktionen kommen?

Niemals! Ich dachte, ich spiele jetzt einen HIV-Positiven und das wird allen Leuten klar sein. Aber dass es für viele so schwer ist zu verstehen, dass der fiktive Charakter nicht die Realität ist, hätte ich nie gedacht. Ich weiß auch ehrlich gesagt nicht, ob ich mich drauf eingelassen hätte, wenn ich das gewusst hätte, weil ich schon wirklich oft damit konfrontiert werde. Nach zwei Jahren KUNTERGRAU denkt man sich schon: Leute, warum versteht ihr es immer noch nicht? Ich kämpfe ganz oft dagegen an.

Hättest du denn vorher gedacht, dass so ein negatives Bild von HIV herrscht?

Nein, gar nicht. Ich dachte, gerade wir in der Community setzen uns irgendwann damit auseinander. Dann sehen wir auch, dass es HIV gibt und was die Infektion bedeutet: Es ist nicht tödlich und HIV-Positive haben, wenn sie in Behandlung sind, eine normale Lebenserwartung. Ich finde es schade, dass das anscheinend noch nicht überall angekommen ist.

Beim Talk ging es nicht nur um das Bild von HIV, sondern auch um PrEP, die Präexpositionsprophlaxe. Dabei nehmen HIV-Negative Medikamente ein, um sich vor einer Ansteckung zu schützen. Was sind deine persönlichen Erfahrungen mit der PrEP?

Ich selbst habe ich mich nie wirklich mit PrEP auseinandergesetzt, bis vor etwa einem halben Jahr. Da hat ein Sexualpartner, in dem Moment, als ich das Kondom holen wollte, gesagt: „Ne, warum, ich habe doch PrEP. Nimm doch einfach die Pille und alles ist cool.“ Dann habe ich mich zum ersten Mal damit auseinandergesetzt. Denn so einfach und cool ist das nicht. Man kann die Tablette nicht einfach so kurz vor dem Sex nehmen und alles ist gut. Es ist ein Medikament, das – nach ärztlicher Beratung – 48 Stunden vor dem Sex genommen werden sollte, um zu schützen. Ich finde es schade, dass Menschen, die Zugang zu PrEP haben, um damit den Sex sicherer machen wollen, das nicht wissen.

Denkst du, dass PrEP das Bild von HIV in der Community verändern könnte?

Ich bin sehr zwiegespalten. Auf der einen Seite gibt es Situationen, die ich erlebt habe, wo es so unbedacht genutzt wird. Das finde ich schwierig, weil da anscheinen das Wissen fehlt. Auf der anderen Seite ist PrEP nichts Schlimmes. Im Gegenteil: Das heißt für jeden, der es richtig anwendet, dass er sich mit HIV auseinandersetzt und zusätzlich schützt. Deswegen finde ich, dass PrEP keinen negativen Stempel bekommen darf. Wenn man sagt, jemand nehme PrEP, nur weil er eine Schlampe ist und ständig rumvögelt, dann stimmt das nicht. Jemand nimmt PrEP, um sich zusätzlich zu schützen. Man muss stark gegen so ein Stigma arbeiten. PrEP ist jetzt schon oft negativ belastet, obwohl es eine Chance ist. 

Moustafa, vielen Dank für das Gespräch!

Alle Folgen von KUNTERGRAU könnt ihr hier ansehen!

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