Filme dazwischen

Falk Steinborn Von Falk Steinborn

Welche schwul-lesbischen Filme erwarten uns demnächst im Kino oder auf DVD? Welche Trends gibt es? Die Antwort auf diese Fragen liefern thematische Filmfestivals wie die Lesbisch Schwulen Filmtage in Hamburg. dbna stellt drei Festivalfilme vor.

Ab dem 21. Oktober haben schwul-lesbische Kinofilme wieder Konjunktur in Hamburg. Denn dann heißt es zum 19. Mal Licht aus und Augen auf für die "Lesbisch Schwule Filmtage Hamburg" (LSF). Mehr als 125 Filme flimmern in fünf Festivaltagen über die Leinwände der Hansestadt. Ein Trend ist dabei ganz deutlich zu erkennen: Die Filme nähern sich immer mehr dem Mainstream an und stehen dem klassischen Hollywood-Kino in keiner Weise nach. Denn schwul-lesbische Kinofilme müssen keineswegs stilistisch oder inhaltlich aus der Reihe tanzen, wie das Festivalprogramm beweist. Das ist die eine Erkenntnis. Die andere lautet: Dokumentationen, die Homosexualität im Zusammenhang mit Politik und Religion beleuchten, sind stark vertreten. Hier eine kleine Filmauswahl:
 
Zwischen Gefangenschaft und grenzenloser Freiheit
Es sind die Träume eines jeden Surfers: Sonne, Wind und hohe Wellen und das direkt vor der eigenen Haustür. Zach liegt all das zu Füßen, wären da nicht seine unstete Schwester und ihr Sohn Cody. Um beide durchzubringen, opfert er sich auf. Er springt als Ersatzvater und Ernährer der Familie ein, obwohl er selbst noch mitten im Erwachsenwerden steckt. Doch an Letzteres ist gar nicht zu denken. Zumindest bis der Surfer Shaun in sein Leben tritt und ein Kuss zwischen beiden den Alltag von Zach mächtig durcheinander bringt. Zach versucht, seine Gefühle und sein erwachtes Schwulsein aus Verantwortung für seine Familie zu unterdrücken. Aber das hieße auch, die Verantwortung für sich selbst aufzugeben. Für Zach gilt es deshalb, eine Entscheidung zwischen Liebe und Verantwortung zu treffen.
"Shelter" ist ein sensibel erzählter Film zwischen der Ödnis am Stadtrand von San Pedro und dem aufregenden Leben am Strand nebenan. Es ist ein Film über Gefangensein in den eigenen Verhältnissen und dem Streben nach Freiheit und Leichtigkeit. Die Bilder sind einerseits bedrückend und melancholisch und andererseits wunderbar verträumt und bezaubernd romantisch. Ein Film zum Mitfiebern und einfach nur fürs Herz. Gefühlchaos garantiert!


 
 
Zwischen irgendwas und nichts
Joe ist ein stereotyper junger Mann aus der Provinz: etwas schüchtern, gutgläubig, brav.  Seine Klamotten erinnern an die Standardkleidung aus dem Supermarkt und seine Haare liegen, wie sie wachsen. Style und Charakter sind Joe fremd. Aber als er für ein Studium an der Kunsthochschule in die Großstadt zieht, ändert sich das schnell. Eines Morgens wacht er im Bett seines One-Night-Stands mit einem Irokesen-Schnitt auf, der ihn nicht nur äußerlich sondern auch innerlich in Fahrt bringt: Joe fühlt sich angezogen vom Stricher Ramon, der vor der Kunsthochschule seinem Beruf nachgeht und Joe immer wieder abweist. Doch dieser lässt nicht locker und so verbringen sie schließlich eine gemeinsame Nacht. Aber die ist folgenreich. Nebenbei entwickelt Joe mit seiner Freundin Jennifer einen abgefahrenen Lifestyle. Fast erdrückt von der Last des Kunsthochschulstudiums beginnen sie, in Extremen zu leben. Sie suchen den Ausgleich im Nachtleben der Großstadt, in Sex-Abenteuern und Drogen. Das Geld dazu besorgen sie sich durch Taschendiebstähle. Sie leben schnell, wild, unangepasst, rebellisch und rastlos. Aber irgendwann sind sie nicht mehr Herr ihrer Lage und driften ab. Nicht jedoch ohne zu der Erkenntnis zu kommen: "Were totally crazy."
"Between something and nothing" ist eine abgefahrene Mischung aus einem etwas verspäteten Coming-Of-Age-Film und einem szenig-rebellischen Drama. Der Filmtitel ist Programm. Die Handlung scheint zunächst immer wieder greifbar, steckt aber voller Überraschungen. Der Zuschauer ahnt etwas und wird eines besseren belehrt. Er gerät damit zwischen irgendwas und nichts und bekommt dadurch eine Idee davon, wie Joe und Jennifer leben: Vollkommen überhitzt und gehetzt. Vollkommen sehenswert. 


 

Zwischen Religion und Homosexualität
Einen Blick auf Homosexualität im Islam richtet die Dokumentation "A Jihad For Love" von Parvez Sharma. Fünfeinhalb Jahre hat er 12 Länder bereist und schwule und lesbische Muslime porträtiert. Einer von ihnen ist Mushin Hendricks, der erste offen schwule Imam weltweit. Als Jugendlicher fühlte er, dass er schwul ist. Er suchte Hilfe im Koran, doch dort stieß er auf die Geschichte von Sodom und Gomorrah, die Homosexualität verurteilt. Mushin entschied sich daraufhin zu heiraten und wurde Vater so wie es sich für einen guten Moslem gehört. Erst Jahre später outete er sich. Heute kämpft Mushin, der in Kapstadt lebt, gegen die Homophobie im Islam und stößt dabei auf dogmatische Meinungen wie die von Imam Maulana Hoosen. Für ihn sind Homosexuelle gleich Straftäter, wobei die "einzige Frage unter den Juristen ist, wie eine solche Person getötet werden soll".
Homosexualität ist in vielen muslimischen Ländern verboten. Parvez Sharma gewährt Einblicke in diese aus der Sicht dort lebender schwuler und lesbischer Muslime. Die Szenen, die Sharvez zeigt, sind teilweise sehr intim und intensiv. Die Offenheit und der Mut, mit welchem die homosexuellen Muslime sich vor der Kamera äußern, ist beeindruckend. Ihre persönlichen Geschichten von Heirat, Gefängnis, Folter und Flucht machen betroffen. Dennoch ist "A Jihad For Love" kein Film, der künstlich schwarzmalt. Das ist auch gar nicht nötig. Sharma bildet einfach nur ab und lässt ganz unkommentiert die Porträtierten zu Wort kommen. Und dabei kommt zuweilen sogar eine Spur der Hoffnung auf.
"A Jihad For Love" ist einer der wichtigsten schwul-lesbischen Dokumentarfilme der vergangenen Jahre. Nicht ohne Grund ist er auf zahlreichen Festivals als bester Dokumentarfilm ausgezeichnet wurden.

dbna.newsletter
Bleibe immer up-to-date.
Abonniere unseren wöchentlichen Newsletter!
Weitere Quellen: LSF Hamburg