Gefrorenes Herz

Falk Steinborn Von Falk Steinborn
Gefrorenes Herz
Lukas Miller

Als Tobi sich bei Facebook einloggt, kann er seinen Augen kaum glauben. Einige seiner Klassenkameraden haben ihn auf seiner Pinnwand als "Schwuchtel" und "Opfer" beschimpft. Das ist allerdings erst der Anfang von Tobis Spießrutenlauf, in dem er wegen seines Schwulseins gemobbt und abgelehnt wird.

Der Kurzfilm "Gefrorenes Herz" wurde von Lukas Miller aus Fürth produziert. Er hat damit den Publikumspreis des Mittelfränkischen Jugendfilmfestivals 2012 gewonnen. Im Interview mit dbna spricht er darüber, warum selbst der Tod bei ihm ästhetisch ist und welche wahre Begebenheit sich hinter der Story verbirgt

Dein Filmthema ist sehr harte Kost. Wie bist du darauf gekommen?
Es war gerade Winter 2010 und wir wollten einfach draußen im Schnee drehen und haben uns überlegt: Wir lassen einen Jungen sterben. Das kann filmisch schön aussehen. Die Kontraste mit dem Blut auf weißem Schnee sind visuell toll. Also haben wir das einfach gedreht, ohne eine Story zu haben.

Erst ein paar Monate später haben ich dann jemanden kennengelernt, der auch aus Fürth kommt und schwul ist. Wir haben ewig lange darüber geredet. Er hat mir erzählt, dass er früher mal aus einer Szenekneipe herausgekommen ist und zusammengeschlagen wurde. Danach hat er eine total schwere Zeit durchgemacht, in der er versucht hat, sich umzubringen.

Ziemlich erschreckend.
Ich war echt geschockt, als er mir das erzählt hat und habe dann überlegt, wie ich das in einer Story umsetzen könnte. Ich meine: Wir hatten schon einen Jungen, der sich umbringt. Die Erzählung des Bekannten haben wir dann als Rückblenden in den Film eingebaut.

Warum war diese Thematik für dich wichtig?
Es hat mich einfach schockiert, weil ich nicht dachte, dass es immer noch so krass ist. Ich habe auch noch ein bisschen nachgeforscht und gemerkt, dass es immer noch sehr viele Beleidigungen gegen Schwule gibt. Das hat mich beschäftigt. Was mich beschäftigt, will ich einfach in meinen Filmen unterbringen.

Wie hat denn dein Bekannter reagiert, als er später den Film gesehen hat?
Er war die ganze Zeit im Prozess integriert. Er fand es immer gut und hat auch teilweise mitgemacht - zum Beispiel bei der Szene mit Facebook. Wir mussten schauen, dass da jemand etwas schreibt. Das hat er zum Beispiel selber gepostet.

Was ist denn der Anspruch eures Filmes?
Wir wollen, dass die Zuschauer einfach über das Thema nachdenken. Unter anderem darüber, wie sehr es einen Menschen treffen kann, wenn man ihn diskriminiert. Unser Protagonist wird ja erst von Facebookfreunden beleidigt, dann von seinem Vater verstoßen und am Ende zusammengeschlagen. Das sind Dinge, die zum Selbstmord führen können. Viele sehen das vielleicht gar nicht, dass eine kleine Beleidigung so schlimme Auswirkungen haben kann.

Lukas Miller
Für Lukas spielt die Schönheit der Bilder eine große Rolle. Dennoch dreht er nur mit einer kleinen Kamera für wenige hundert Euro.

Für Lukas spielt die Schönheit der Bilder eine große Rolle. Dennoch dreht er nur mit einer kleinen Kamera für wenige hundert Euro.

Ihr habt euch ganz bewusst gegen Sprache entschieden. Wenn man sich deinen YouTube-Kanal anschaut, dann merkt man: Du bist ein visueller Typ. Dich interessieren Bilder ganz stark.
Ja, das stimmt. Damit habe ich auch angefangen. Ich habe frühe sehr viele Sonnenaufgänge gedreht.

Was fasziniert dich daran?
Es gibt einfach eine extreme Schönheit in diesen Bildern oder in der Natur generell. Ich muss solche Bilder auch teilen. Wenn ich einen tollen Sonnenaufgang sehe und keine Kamera dabei habe, dann werde ich richtig wahnsinnig, weil ich denke: Ich muss dieses Foto jetzt machen und anderen zeigen, wie geil der Sonnenaufgang heute ist.

Das ist ja auch das Erschreckende bei deinem Film: Die Schönheit der Bilder sticht sich mit der Grausamkeit der Geschichte.
Mit Gegensätzen wollte ich in den Film total arbeiten. Deswegen ist der Anfang auch so überzogen schön gemacht und in Gelb getaucht. So ist ja sonst kein Tag. Das soll sich einfach von den Schneebildern abheben.

Was hast du denn für Feedback auf deinen Film bekommen?
Sehr gutes Feedback - erstaunlich gut. Es gab aber auch einige, die gemeint haben, dass das Thema nicht mehr so schlimm sei. Darüber bräuchte man keine Filme drehen. Genau das habe ich vorher auch gedacht. Aber die Geschichte, die ziemlich aktuell ist, hat mich erschreckt. "Schwul" benutzt heutzutage immer noch fast jeder Jugendliche als Schimpfwort.

Das stimmt leider. Gerade deshalb sollte man sich nicht unterkriegen lassen. Hast du denn noch mehr Filme in dieser Richtung in Planung?
Nein, aber ich habe drei Filme, die fast fertig sind. Einer davon heißt "Unser schönes Leben". Das ist ein Experimentfilm, in dem jede Szene nur eine Sekunde lang dauert. Er soll die Vielfalt des Lebens darstellen. Ich zeige ganz viele Szenen zwischen Trauer und Freude. Mir fehlt nur noch die Musik, dann kann er veröffentlicht werden.

Dafür wünsche ich dir viel Erfolg. Vielleicht wird ja einer musisch begabter dbna-User auf dich aufmerksam und will mit dir zusammenarbeiten. In jedem Fall viel Erfolg für deine Filmprojekte und danke für Interview.

Hinweis der Redaktion: Der Film soll in keinster Weise das Thema Selbstmord verherrlichen. Solltest du dich in einer schwierigen Lebenslage befinden, dann findest du Hilfe bei der Nummer gegen Kummer: 116 111 (kostenlos vom Handy und Festnetz).

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Weitere Quellen: Lukas Miller