Grand-Prix-Ironie

Redaktion Von Redaktion

Die Cracker stehen auf dem Tisch und der selbst gemachte Dipp liegt hübsch arrangiert in einem Rund aus Karotten- und Gurkenstäbchen. Noch eine Stunde bis die anderen Jungs kommen, wenn es wieder heißt: Germany 12 points!

Die Cracker stehen auf dem Tisch, die Diätcola ist kaltgestellt, und der selbst gemachte Dipp liegt hübsch arrangiert in einem Rund aus Karotten- und Gurkenstäbchen. Noch eine Stunde bis die anderen Jungs kommen. Dann könnt ihr euch, traditionsgemäß wie jedes Jahr, gemeinsam auf die Couch fläzen und mitfiebern, wenn es wieder heißt: Germany 12 points! Also schnell noch die verbleibende Zeit nutzen, denn du bist ja nicht nur die stilvolle Dame nach außen nein, du bist auch die perfekte Hausfrau! Zeit, das deinen Freunden auch gebührend zu demonstrieren. Also schwuppst du noch mal eben schnell in den Blumenladen um die Ecke, um ein hübsches Bouquet zu kaufen.

Wundervoll, wie die Blumen sich auf dem Tisch machen. Der ist zwar jetzt hoffnungslos überfrachtet, aber was tut man nicht alles für den eigenen Stil! Jetzt noch schnell im Bad die Make Up-Döschen wegräumen und ein letztes Mal die Locken zurechtzupfen. Und da klingelt es auch schon! Die lärmende Meute schwebt galant in deine Wohnung, Bussi links, Kussi rechts. Da ist ja auch der versprochene Prosecco, klasse. Also schnell noch die neuen Oberteile und die todschicken Schuhe deiner Freunde lautstark bewundern (Deine eigenen sind zwar viel geschmackvoller, aber was tut man nicht alles für seine Stellung im Freundeskreis?) und dann ab auf die Couch! Soweit läuft alles nach Plan. Im Fernsehen kommt die Vorberichterstattung, und die ersten Korken habt ihr schon knallen lassen.

Plötzlich fällt deinen Kumpels ein, dass sie ja noch diese total angesagten Pralinés in der Tasche haben wie konnten sie das nur vergessen? Auf dem überfüllten Tisch ist kein Platz, also kommt das Blumen-Bouquet auf den Fernseher. So ist es besser, und dein geübtes Auge sagt dir auch, dass die Veilchen ideal mit dem Anthrazit des Fernsehers harmonieren. Aber ohje: Wenn du doch nur jemand anderen den nächsten Prosecco hättest öffnen lassen!!! Das hast du jetzt davon: Dein graziler Körper verträgt nicht so viel Tuntenwasser, und prompt lässt du den Korken gegen deine sündhaft teure Tifannys-Lampe knallen. Die geht erstmal zu Bruch. Als dann der Korken als Querschläger auch noch die Blumen spektakulär vom Fernseher schießt, geht alles drunter und drüber: Das Wasser verursacht einen Kurzschluss, die Flimmerkiste ist kaputt. Dein tolles Karotten-Gurken-Dipp-Menü ist auch im Eimer alles voller Tifanny-Lampenschirm-Scherben.

Bevor du jetzt in Schreikrämpfe ausbrichst und hyperventilierend das zeitliche segnest, gibt es aber zum Glück tatsächlich Rettung für dich! Die dramatische Geschichte wird dir deine Versicherung schon mal abkaufen, so dass du dich um den Fernseher nicht zu kümmern brauchst. Und diese Lampe hatte ja vielleicht Stil, aber eher den deiner Großmama. Das Gemüse kannst du auch getrost entsorgen. Wer das ganze Jahr Trennkost macht, der kann auch mal einen Abend den schnuckeligen Pizzaboten kommen lassen. Und dann heißt es: Sattessen! Gut, dass du in irgendeiner alten Kiste noch ein paar Spiele hast. Und während der Alkoholspiegel steigt, hebt sich auch der Spaßpegel immer weiter an - bis du irgendwann gar nicht mehr wissen willst, ob Griechenland bei diesem Grand Prix eigentlich hübschere Kostüme als Frankreich hatte. Sehr bald grinst du wahrscheinlich eher über das Lallen deiner angeschwippsten Mitschwuppen als über das Grand PrixLalala. Deinen exquisiten Geschmack hat diese Veranstaltung doch ohnehin noch nie befriedigen können.  

Dieser Text erschien erstmals am 18.05.2006 auf dbna in unserer Serie "Stereotratsch", in der wir schwule Klischees aufs Korn genommen haben.

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Weitere Quellen: photocase.com, stock.xchng.hu, NDR/Uwe Ernst