Hinter der Kamera

Redaktion Von Redaktion

Es ist kalt an diesem Samstag Morgen. Trotzdem turnen einigeJugendliche ohne Jacke auf dem Sportfeld herum. "Danke", ruft eineStimme, und schnell werden die Jacken angezogen, das Licht neueingestellt und die Kamera auf eine neue Position gesetzt.

Samstag, 15. Januar 2005, 9 Uhr morgens. Ein kleiner Wintersportort imAllgäu, an der bayerischen Grenze zu Österreich, zweieinhalb Stundenvon München entfernt. Ich bin eben mit dem Zug angekommen und laufe zumGymnasium. Wenn die Leute in diesem Ort wüssten, denke ich, dass hierein schwuler Film gedreht wird, dann... Ja, dann?

Homosexualität ist und bleibt ein Reizthema. Nicht nur beialteingesessenen Kleinstädtern, sondern auch und gerade an Schulen. Dapassiert im Unterricht meist gar nichts gegen Klischees undDiskriminierung - das Thema taucht, wenn überhaupt, imReligionsunterricht beim Thema "Sünden" und in Biologie beim Thema"Aids" auf. Deshalb ist heute die Filmcrew der MünchnerProduktionsfirma Paradigma Entertainment hier und dreht den Film OUTNOW. Einen schwulen Kurzfilm, fünfzehn Minuten, der an Schulen gezeigtwerden kann, zur Aufklärungsarbeit zusammen mit Arbeitsblättern, um imUnterricht damit zu arbeiten. Vergleichbares existiert nämlich bishernicht.

In der Story geht es um den 16-jährigen Tom, der von seinen Mitschülerngemobbt wird. Er ist schwul, chattet im Internet auch mit anderenschwulen Jungs, aber zugeben würde er das niemals. Auf Umwegen findeter dann heraus, dass Nikias, einer der Coolen in seiner Schule, die ihnfertig machen, auch eher mit Jungs rummacht als mit Mädels - um genauerzu sein, er erwischt ihn mit einem anderen der Coolen knutschend aufder Couch. Und dann gibt es da noch einen sehr hübschenKiosk-Verkäufer...

Es ist also ganz viel drin: Wie es für Jugendliche ist, schwul zu sein,und nicht darüber reden zu können. Dass man es schwulen Jungs gar nichtansieht, dass sie es sind, und dass es eigentlich jeder sein könnte.Dass auch Schwule sich verlieben, ganz normal, halt nur nicht in Mädels.

Angekommen an der Schule sehe ich dann schon auf dem verschneitenSportplatz etwa fünfzehn Jungs Fußball spielen, dahinter einige MädchenDehnübungen machen. Nichts besonderes eigentlich - wenn davor nichteine Kamera, Lichtschirme, Monitor und Mikrofone stünden. Und als derRegisseur und Chef von Paradigma Entertainment Sven Matten "Danke!"ruft, ziehen sich die ganzen Jugendlichen sofort wieder Jacken an, undbleiben frierend im Schnee stehen. Das geht dann noch einige Male so,immer wieder muss die Kamera an einen anderen Standpunkt gebrachtwerden, die meisten Szenen werden drei, vier Mal gefilmt. Tom, gespieltvon Dennis Prinz, steht träumend im Tor, bekommt den Ball in dieWeichteile und kann ihn nicht halten - was die anderen, die Coolen,natürlich zu einigen bösen Worten bringt. Ein Mädchen möchte ihntrösten. Als er sie dann laut anschreit, dass er "nicht anders ist" undaus dem Bild läuft, ist es am Set ganz still.

Mittags ist die Szene im Kasten und ich kann endlich mit dem RegisseurSven J. Matten und den beiden Hauptdarstellern Dennis Prinz und VeitMesserschmidt reden. Das erste der beiden Interviews folgt in zweiWochen.

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