Klänge des Verschweigens

Fabian Schäfer Von Fabian Schäfer
Klänge des Verschweigens
Fritz Kornatz/SS

Klaus Stanjek begibt sich auf eine sehr persönliche Spurensuche: Sein Onkel Willi war als Homosexueller im KZ. Ihn beschäftigt eine Frage: Wie konnte er acht Jahre Arbeitslager überleben? dbna verlost die Doku.

Der 90. Geburtstag seines Onkels Willi. Eine typische Familienfeier, nichts Besonderes. Sahnetorte, die immer selben seichten Themen, bloß keine Diskussionen befördern. Bis plötzlich die Sprache vom Lager ist. Lager? Ja, Willi war im Konzentrationslager. Klaus Stanjek ist 40 Jahre alt, als er erfährt, dass sein Onkel acht Jahre in den Arbeitslagern Dachau und Mauthausen verbracht hat. Er trug den "Rosa Winkel", Haftgrund: Homosexuelle Handlungen.

Er beginnt zu recherchieren, er spricht mit Verwandten und mit Wilhelm Heckmann, genannt Willi, selbst. Klaus Stanjek, Dokumentarfilmregisseur, will einen Film darüber machen, will die besondere Geschichte seines Onkels für die Nachwelt festhalten. Willi ist dagegen. Nicht vor meinem Tod, sagt er.

Willi: Überraschend nach einem Konzert verhaftet

1995 stirbt Wilhelm Heckmann, fast 100 Jahre alt. Damit beginnt für Klaus Stanjek eine persönliche Spurensuche. Er recherchiert in seinen Unterlagen, befragt seine Mutter, seine Cousine, fügt dazu eigene Erinnerungen an seinen Onkel an. Er beschreibt detailliert, die vielen privaten Fotos ergänzen die Reise in die Vergangenheit.

Fritz Kornatz/SS

Willi hatte Glück, dass er in der Lagerkapelle spielte. Wahrscheinlich konnte er nur so acht Jahre im Arbeitslager überleben. Denn schon bevor er als 40-Jähriger ins KZ kam, war er als Unterhaltungsmusiker tätig. Nach einem Konzert in Passau wurde er schließlich völlig überraschend und ohne Angabe von Gründen von der Gestapo verhaftet.

Niemand hat vergessen, sondern verdrängt

Die Interviews mit seiner Familie wirken wie ganz normale Gespräche. Das nimmt "Klänge des Verschweigens" den Doku-Charakter und hebt den Film auf eine sehr unmittelbare, sehr nahe Ebene. Statt in einem Studio spricht Klaus Stanjek zu Hause oder in Wirtshäusern mit den Verwandten und Freunden des Onkels. Die Cousine raucht dabei, der Mutter muss er manchen Satz wiederholen, weil sie nicht mehr gut hört, eine Frau muss immer wieder ihren Hund beruhigen. Das macht die Atmosphäre authentisch und ungezwungen, vor allem für die Verwandten.

Denn die sprechen über ein Thema, das lange ein Tabu war. Niemand hat über Willis KZ-Zeit gesprochen. Schon gar nicht darüber, dass er den "Rosa Winkel" trug. Immer wieder wird angesprochen, wie wichtig es sei, vergessen zu können. Doch niemand hat vergessen. Sondern verdrängt.

Privateigentum von Klaus Stanjek
Wilhelm Heckmann mit zwei Show-Tänzerinnen.

Wilhelm Heckmann mit zwei Show-Tänzerinnen.

Wir sind die letzte Generation, die mit Zeitzeugen sprechen kann

Stanjek begibt sich in die Heimat seines Onkels, fährt in Archive, besucht die KZ-Gedenkstätte Mauthausen, wo er bei der Gedenkfeier zur Lagerbefreiung mit Überlebenden spricht. Einer kann sich an Willi erinnern, den Akkordeonspieler.

Der Regisseur sucht akribisch nach weiteren Hinweisen und lässt dabei seinen Gedanken freien Lauf. Dass ihn empört, was seine Mutter über die Nazizeit denkt. Lieder, die sein Onkel gesungen hat, Briefe von ihm aus dem KZ und Reden von Heinrich Himmler ergänzen den Film genauso wie Fakten zu Homosexuellen in Konzentrationslagern.

So beweist Klaus Stanjek mit seinem Dokumentarfilm, wie nah der Zweite Weltkrieg noch ist. Gleichzeitig sind wir 71 Jahre nach der Befreiung der Konzentrationslager die letzte Generation, die noch die Möglichkeit hat, mit Überlebenden und Zeitzeugen zu sprechen. Zum Glück gibt es Filme wie "Klänge des Verschweigens", die solche Begegnungen festhalten.


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Weitere Quellen: Eigentum Klaus Stanjek