Mehr eigenes Profil bitte!

Falk Steinborn Von Falk Steinborn

Ab Februar sendet Deutschlands Sender für schwule Männer, TIMM, 24 Stunden lang Programm -  und das erst drei Monate nach dem Sendestart. Der Grund sei laut Sender die hohe Resonanz der Zuschauer. Aber Einschaltquoten sind nicht alles. dbna zieht deshalb eine erste inhaltliche Bilanz.

Ehe TIMM im November nach mehr als anderthalbjähriger Vorbereitungszeit an den Start ging, habe wir uns bei dbna des Öfteren gefragt: Braucht man sowas? Ein Sender für schwule wieso, weshalb, warum? Ich selbst war geteilter Meinung. Immerhin waren Schwule im deutschen Fernsehen bisher nur selten vertreten. Aber dann gleich ein eigener Sender das klang im Vorfeld doch sehr nach der medialen Fleischwerdung einer rosafarbenen Subkultur.


So schlimm ists nicht gekommen. Denn neben gar schrecklich klischeeüberladenen Sendungen wie "Queer eye for a straight guy", deren Betrachtung ich noch nicht mal mit Unfalltourismus rechtfertigen kann, bietet TIMM mehr als nur rosa Soße. Die Thementage machens möglich: Gute Unterhaltung am Montag und Dienstag (z.B. "Queer as folk"), ernsthaftes und anspruchsvolles hingegen am Mittwoch. Letzteres ist sogar sehenswert, wie letztens eine Doku über Männer, die sich ihr Schwulsein wegtherapieren wollten. Solche Formate könnte durchaus auf Phoenix laufen, genauso wie einige der ausgestrahlten Filme auch einen Platz  bei arte oder 3sat verdient hätten. Denn die Filme auf TIMM entstammen wunderbarer Weise nicht alle der ewig monotonen Hollywood-Maschinerie. Und so gibt es auch die ein oder anderen Schätze, etwa Filme von Francois Ozon oder aus dem Independent Kino.


Ein Manko bei alle dem könnte sein, dass viele der Produktionen schon ein paar Jahre auf dem Buckel haben. Zumindest sehen das einige Zuschauer so, wie in den Internetforen von TIMM und dbna zu lesen ist. Aber die meisten der Serien, Dokus und Filme wurden bisher noch nicht in Deutschland ausgestrahlt. Sie haben ihr Verfallsbarkeitsdatum für den deutschen TV-Markt noch nicht überschritten. TIMM ist deshalb mit den Produktionen aus der internationalen Konserve gut aufgestellt zumindest noch.


Viel spannender ist deshalb momentan der Blick auf die Eigenproduktionen der Bereich, in dem TIMM wirklich Profil zeigen kann. Mit großer Spannung habe ich TIMM Today erwartet.  Ein tägliches Magazin mit aktuellen Nachrichten aus der schwulen Welt zu machen so die Ankündigung von TIMM Today klang ambitioniert. Ganz einhalten konnte die Sendung ihre Versprechen aber bisher nicht. Zwar sind die Macher bemüht, relevante Themen aufzugreifen. Aber momentan gelingt das nicht durchgehend. Das ist weniger der Redaktion geschuldet als viel mehr der Tatsache, dass der schwulen Nachrichtenmarkt nicht  mehr hergibt. TIMM Today konzentriert sich deshalb vor allem stark auf magazinhafte Beiträge, wie etwa die Wochenserie.


Was dabei positiv auffällt: Die Qualität der Produktionen (TIMM Today, Home-Check ) kann in vielen Fällen gut mit Privatsendern wie Kabel1, Vox und MTV mithalten. Besser sogar: TIMM macht von der Bildsprache her frisches und kreatives Fernsehen - sei es die Kameraführung der Vorort-Einsätze des äußerst sympathischen Armin Ceric, der oft der eigentliche Star in seinen Interviews ist, oder die Art und Weise wie viele Beiträge geschnitten sind. Die unkonventionelle Bildsprache von TIMM ist das große Plus des Senders.


Bisher geht das aber noch in den vielen eingekauften Sendungen unter. TIMM braucht deshalb mehr Eigenproduktionen um sich stärker als eigener Sender mit eigener Ästhetik zu profilieren und um näher an der Wirklichkeit von Schwulen in Deutschland dran zu sein. Momentan könnte man das Programm so auch in den USA senden, was zu Großteilen auch so geschehen ist.

Meine erste Bilanz zu TIMM fällt deshalb gemischt aus: Der Sender ist besser als erwartet und bietet eine gute Abwechslung. In einigen Fällen lohnt es sich deshalb, einfach mal einzuschalten. Um aber wirklich als Sender für Schwule relevant zu sein, braucht TIMM ein stärkeres Profil - vor allem durch mehr journalistische Inhalte und Eigenproduktionen.

dbna.newsletter
Bleibe immer up-to-date.
Abonniere unseren wöchentlichen Newsletter!
Weitere Quellen: iotas - www.photocase.de, deutsche fernsehwerke gmbh, Channel 4