Neu im Kino: Toro

Fabian Schäfer Von Fabian Schäfer
Neu im Kino: Toro
Paul Wollin/missingFILMs

Toro und Victor verdienen ihr Geld durch Prostitution. Der eine schläft mit Frauen, der andere mit Männern. Sie wollen raus, doch versinken sie immer tiefer im Sumpf aus Sex, Drogen, Geld und Gewalt. Ein klischeefreier und intensiver Debütfilm in Schwarz-Weiß.

Die Welt von Toro, der eigentlich Piotr heißt, und Victor ist trist. Kleine, unordentliche Wohnungen, dreckige Gassen, verlassene Fabrikhallen, in denen Toro boxt, schmierige Stricherkneipen, in denen Victor seine Freier kennenlernt.

Beide verkaufen ihren Körper für Geld. Toro schläft mit betuchten Damen, während Victor es auf ältere Männer abgesehen hat. Nicht mehr lang, dann sind wir weg, sagt Toro zu ihm. Der Pole träumt davon, zurück in seine Heimat zu fahren, alles hinter sich zu lassen.

Toro versucht, gegen seine Homosexualität anzukämpfen

Doch der Weg dorthin führt durch tiefe Abgründe, Identitätskrisen und lebensbedrohliche Momente. Victor kann nicht aufhören, Drogen zu nehmen. Mit seiner Schwester Emilia tauchen dann auch noch Geldeintreiber aus seiner Vergangenheit auf. Als die Lage zu eskalieren droht, sieht er keine andere Möglichkeit, als an Toros Erspartes zu gehen.

Miguel Dagger/missingFILMs
Victor versinkt in einem Sumpf aus Drogen und Geldnot.

Victor versinkt in einem Sumpf aus Drogen und Geldnot.

Der wiederum versucht, gegen seine Homosexualität, seine Liebe zu seinem besten Freund, anzukämpfen, doch holt sie ihn bis zuletzt immer wieder ein, ähnlich dem Boxsack, der wie ein Bumerang umso stärker zurückschwingt, je kräftiger er auf ihn eindrischt.

Es gibt nicht nur schwarz und weiß, sondern viele Graustufen

Dass der Debutfilm von Martin Hawie in Schwarz-Weiß gehalten ist, unterstützt vor allem durch gezielt gesetzten Lichter und Schatten die Konzentration auf die Körper der beiden. Denn für ihre Kunden sind sie nicht mehr, sind bloß der Körper, nicht mehr als ein bezahlbares Mittel zum Zweck.

Gleichzeitig lösen die Graustufen ein Denken in Schwarz und Weiß, in Gut und Böse, auf. Denn es gibt sie, die Zwischenstufen, wenn der eigentlich so sensible Victor wieder zu den Drogen greift, oder wenn Toro aus endloser Wut und Verzweiflung und Enttäuschung seinen besten Freund mit einem Revolver bedroht. Niemand ist nur gut oder nur böse.

Paul Wollin, Kelvin Kilonzo/missingFILMs
Toro versucht, gegen seine Homosexualität anzukämpfen.

Toro versucht, gegen seine Homosexualität anzukämpfen.

Zwei Jahre nach der Premiere kommt der Film endlich ins Kino

So erzählt Regisseur Martin Hawie eine von der Thematik her fast schon abgedroschene Milieustudie, die doch einzigartig wird, weil sie auf Drogen- und Stricher-Klischees verzichtet, und die in seiner ausgefeilten Psychologie so komplex wird, dass sie an keiner Stelle vorhersehbar oder erwartbar daherkommt.

Im Gegenteil: Er hat ein sehr reifes, packendes Drama geschaffen, das in seiner narrativen wie ästhetischen Intensität beweist, was der viel gescholtene deutsche Film doch hervorzubringen vermag. Über zwei Jahre, nachdem "Toro" beim Student Film Festival des Montreal World Film Festivals seine Premiere feierte, wird der Film endlich in ausgewählten Kinos zu sehen sein. 

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