Oma auf deinem Steckbrief

Falk Steinborn Von Falk Steinborn

Stell dir vor, deine Oma geht an deinen PC und bewegt sich auf dein Profil in einer Gay-Community. Sie chattet mit anderen Usern und macht Dates klar. Martin Balster hat diese Horrorvorstellung in seinem Kurzfilm "Tommy94" umgesetzt.

Martin Balster ist 21 Jahre. Er interessiert sich für Filme und will Regie studieren. Als er vom Film-Wettbewerb "Bodybits analoge Körper in der digitalen Welt" des ZDF hört, fängt sein Kreativzentrum direkt an ticken. Immerhin winkt ein Preis, von dem viele Nachwuchsregisseure träumen: Die Umsetzung des Gewinnerfilms wird vom ZDF finanziert. Noch in der selben Nacht, in der Martin vom Wettbewerb erfahren hat, sendet er seine Filmidee an eine Freundin. Wenige Sekunden später kommt die Antwort: "Das machen wir!"

Mittlerweile ist Martins Kurzfilm fertig. Er heißt "Tommy94". Von den 120 eingereichten Filmen belegt er momentan Platz 5. Die User haben ihn auf diesen Platz gevotet und das nicht ohne Grund. Martins Films ist eine schräge Kurzgeschichte, in der eine Oma sich des Online-Profils ihres schwulen Enkels bemächtigt.

Martin, bei dem Film-Wettbewerb geht es um die Digitalisierung unserer Welt. Warum hast du eine schwule Geschichte erzählt?
Ich würde es nicht als schwule Geschichte bezeichnen. Was dem Jungen passiert, hätte jede andere Person so auch erleben können egal ob nun homo oder hetero. Die Oma hätte zum Beispiel genauso gut auch weibliche Sexdates im Internet klarmachen können. Dass der Junge nun aber schwul ist, liefert dem Ganzen noch einen kleinen Seitenhieb. Das gibt Pfeffer.

Wie bist du denn auf die Idee des Films gekommen?
Das kam ganz spontan. Es war keine Idee, die ich schon lange mit mir rumtrug. Im Gegenteil. Ich hatte zufällig von dem Wettbewerb "Bodybits analoge Körper in der digitalen Welt" gelesen und dann habe ich mich gefragt: Wer ist der analogste Mensch in meiner Umgebung? Ganz klar meine Oma!

Dann hättest du ja auch ein Porträt über deine Oma machen können.
Nicht ganz. Denn ich habe mich ja auch noch gefragt: Was würde mich am meisten stören? Natürlich wenn meine Oma in meine digitale Welt eindringt.

Zumindest filmisch ist diese diese Angst ja nun wahr geworden. Ist das eigentlich deine richtige Oma, die in das digitale Privatleben des Jungen eingreift?
Ja, es ist tatsächlich meine echte Oma. Sie ist einfach klasse, denn sie hat immer einen krassen Spruch drauf. Im Film kann man das ja auch ganz gut sehen. Übrigens waren auch noch andere Familienmitglieder am Set dabei: Mein 18-jähriger Cousin, der für das Licht im Film zuständig war, und mein Opa.

Das finde ich klasse. Dann gehen deine Großeltern ja richtig offen mit deinem Schwulsein um.
Na ja, sie wissen nicht, dass ich schwul bin. Also zumindest habe ich es ihnen nie gesagt. Ich muss nicht mit so einer Fahne rumspringen und es allen offensichtlich machen.

Aber spätestens dieser Film ist ja so eine Art Coming-Out. Oder was denken deine Großeltern dabei, wenn du einen schwulen Kurzfilm machst?
Ich glaube meine Oma fand einfach, dass der Film durch einen schwulen Hauptdarsteller brisanter wird. Und mein Opa Es gab da so eine Situation. Mein Ex-Freund spielt zum Beispiel auch im Film mit. Und als er gerade Drehpause hatte und ein Bierchen trank, fragte ihn mein Opa, ob er eine Freundin hat. Woraufhin er sagte, dass er schwul sei. Mein Opa hat dann schnell das Thema gewechselt. Aber von mir denken sie, dass ich mit einem der Mädels am Set was habe. Sie haben mir sogar schon gesagt, dass ich vorsichtig sein sollte, weil ich immer so viele verschiedene Freundinnen hätte. Nicht das da mal was auffliegt

Themawechsel. Was ist deine Message, die du mit dem Film rüberbringen willst?
Es geht um drei Dinge: Erstens sollte man Eltern und Großeltern nicht unterschätzen. Die kennen sich manchmal mehr im Web aus, als wir vermuten. Zweitens geht es auch darum, dass Großeltern eine gewisse Vorstellung vom Leben ihrer Enkel haben. Die Oma will im Film, dass der Junge eine Freundin hat und macht deswegen die Dates klar. Und drittens geht es auch um die Gefahr, dass sich Jugendliche ausschließliche in die digitale Welt zurückziehen.

Willst du noch was sagen?
Nicht vergessen zu voten - und zwar bis zum 15. Oktober!

Ich hoffe, die User folgen deinem Rat. Ich drücke dir auf jeden Fall die Daumen!

Das Gespräch führte Falk Seinborn.



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Weitere Quellen: privat