Schwul und vom Auto überfahren

Falk Steinborn Von Falk Steinborn

Angst und Selbstzweifel - das erleben viele schwule Jugendliche. Der Kurzfilm "Blue" greift genau diese Gefühle auf und kommt dabei ganz ohen Sprache aus. dbna chattete mit dem Regiesseur.

Die Zahl ist beachtlich: Mehr als 340.000 Menschen haben den schwulen Kurzfilm "Blue" schon auf YouTube gesehen. Und das obwohl der Film weder im Kino lief, noch auf DVD erschienen ist. Das Geheimnis des Erfolgs: "Blue" kommt ganz ohne Sprache aus. Und er zeigt ein Gefühl, dass viele kennen: Es geht um die Angst und Selbstzweifel beim eigenen Schwulsein.




privat
Nachdenklich: Jung-Regisseur Remy Schepers

Nachdenklich: Jung-Regisseur Remy Schepers

dbna chattete mit "Blue"-Regisseur Remy Schepers (21). Er ist Student an der Kunsthochschule Utrecht. Als er Blue drehte, war gerade 19 Jahre alt. 

Remy, es gibt bereits sehr viele Coming-Out-Filme. Warum war es notwendig, noch einen zu drehen?
Ich habe nie daran gedacht, ob es notwendig ist, einen weiteren zu drehen. Es war einfach mein erster Film an der Kunsthochschule. Und ich wollte etwas produzieren, dass sehr persönlich ist. Als der Film dann in der Klasse vorgeführt wurde, hat kaum jemand was gesagt. Keiner wusste, was er denken sollte. Man dachte, ich muss viele Probleme mit meinem Coming-Out gehabt haben und es wären meine Gefühle, die ich zeige.

Und sind es deine Gefühle?
Nicht wirklich. Es gibt kaum Ähnlichkeiten zwischen "Blue" und meinem Coming-Out. Aber ich weiß wie es ist, wenn man unfähig ist, jemand etwas bestimmtes zu sagen. Das wird zu einem unerträglichen Geheimnis und zerstört dich Stück für Stück. Diese Gefühl habe ich auf jeden Fall auch in "Blue" gezeigt.

Im Film gibt es keine Dialoge. Er ist also universell. Ist das Gefühl des Coming-Outs auch universell?
Ich glaube, wir alle -Heteros und Homos- können uns vorstellen, wie es ist, mit jemanden zusammen sein zu wollen auch wenn man es nicht kann. Man muss dazu nicht schwul sein. Aber ein Coming-Out fühlt sich für jeden Schwulen anders an. Es gibt kein generelles Gefühl. Denn wir alle sind unterschiedlich. Aber es gibt zwei Dinge, die gleich sind: Wir wissen, wie es ist, etwas verheimlichen zu müssen und nicht der sein zu können, der wir sind. Haben wir aber dieses Geheimnis gelüftet, wissen wir wie sich das anfühlt, zu sich zu stehen.

Was ist stärker für den Jungen: Die Beziehung zu seinem Bruder oder die Liebe zu dem anderen Jungen?
Liebe besiegt alles. Der Junge entschließt sich immerhin, mit dem anderem  zusammen zu sein.


privat
Schmerzhafter Verlust: Menno de Wolf als Figur, die das Schwulsein des Bruders nicht akzeptieren kann

Schmerzhafter Verlust: Menno de Wolf als Figur, die das Schwulsein des Bruders nicht akzeptieren kann

Aber ist der Junge am Ende nicht das Opfer?
Wenn du von einem Opfer sprichst, muss es auch einen Schuldigen geben. Ich glaube nicht, dass der Bruder schuldig ist. Er ist der klassische Typ, den die meisten Schwulen schon einmal getroffen haben: Er weiß nicht, wie er damit umgehen soll, dass ein ihm nahestehender Mensch schwul ist.  Am Ende stehen aber der Bruder und der Freund am Grab. Sie haben sich akzeptiert. Es gibt keine gegenseitigen Schuldzuweisungen.

Also keine Opfer im ganzen Film?
Natürlich ist der Junge ein Opfer. Er wurde immerhin vom Auto überfahren! Also ist er ein Opfer der Regierung, die keine besseren Geschwindigkeitsbegrenzungen in den Vorstädten einrichtet. Aber ich wollte kein Film machen der zeigt: Es ist okay schwul zu sein und vom Auto überfahren zu werden.

Was ist dann die Moral des Films?
Ich habe diese Frage tausendmal gestellt bekommen und kann immer noch keine Antwort darauf geben. Ich glaube, es geht darum, die Dinge zu akzeptieren, die passieren.

Das Interview führte Falk Steinborn.

#Themen
Video Kurzfilme
dbna.newsletter
Bleibe immer up-to-date.
Abonniere unseren wöchentlichen Newsletter!
Weitere Quellen: privat