Film-Tipp: Geron

Fabian Schäfer Von Fabian Schäfer
Film-Tipp: Geron

Pro-Fun

Lake merkt, dass er auf deutlich ältere Männer steht. Schließlich verliebt er sich in den schwerkranken Melvyn, dem er nur noch einen Wunsch erfüllen will. Der Film "Geron" ist weniger skandalös als gedacht, aber trotzdem sehenswert.

Vom kanadischen Regisseur Bruce LaBruce hätte man Derberes erwartet, ist der Filmemacher doch bekannt für Sex unter Zombies, linken Terroristen oder Skinheads. Dagegen wirken die Protagonisten in "Geron" wie aus einer verschlafenen Vorstadt, in der die Welt noch in Ordnung ist. Da ist Lake (Pier-Gabriel Lajoie), der etwas verschlafen daherkommt und nicht genau weiß, wo er hinwill. Er arbeitet im Krankenhaus seiner Mutter, wo er schnell merkt, wie er seine älteren Patienten zu lange anschaut.

Sinnlich-erotische Waschszene

Besonderen Gefallen findet er an Melvyn Peabody (Walter Borden). Doch LaBruce kehrt das Klischee um: Es ist nicht der Alte, der den Jungen verführt. Vielmehr ist es Lake, der gar nicht genug von Melvyn bekommt. Ein Schlüsselerlebnis ist die Szene, in der der Krankenpfleger Lake den hilfsbedürftigen Mann wäscht. So sinnlich und erotisch dargestellt, verwischt hier jedes Vorurteil zu der Beziehung mit dem großen Altersunterschied.

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Denn für Lake ist es mehr als nur eine Affäre: Er hat sich verliebt. Das muss er auch seiner Freundin Désirée (Katie Boland) beichten, die sowieso schon seine erotischen Zeichnungen gefunden hat. Obwohl sie schwer akzeptieren kann, dass ihr Freund sie, ein junges und hübsches Mädchen, gegen einen alten und kranken Mann eintauscht, hilft sie ihm: Sie wollen Melvyn aus dem Krankenhaus befreien, um ihm seinen letzten Wunsch zu erfüllen. Er möchte noch einmal den Pazifik sehen – vom Osten Kanadas keine kurze Reise.

Ein Film, der dem Zeitgeist widerspricht

Ab dann beginnt ein Roadmovie, in dem sich beide mal als Großvater und Enkel ausgeben und später in einer Schwulenbar die erste Eifersuchtsszene ausbricht. Davor war und bleibt der Film konventionell: Eine Liebesgeschichte, die von der Gesellschaft nicht akzeptiert wird, aber die Liebenden sich durchsetzen. Lakes Mutter findet es widerlich, dass ihr Sohn mit einem ihrer Patienten schläft, die Krankenschwester Batiste erwischt das Paar, während es halbnackt zusammen Gin trinkt.

Trotzdem ist "Geron" sehenswert: In einer Zeit des Jugendwahns, in der alles für ein junges Erscheinungsbild getan wird, widerspricht der Film diesem Zeitgeist. Lake liebt jede Falte an Melvyn, sagt er. Die beiden Hauptdarsteller spielen überzeugend und authentisch; so gegensätzlich wie sie sind, so gut harmonieren sie als Paar auf der Leinwand. Trotzdem könnten die anderen Charaktere noch etwas mehr Feinschliff gebrauchen: Lakes Mutter wirkt blass, wird sie doch einfach in die alkoholabhängige und mit allem überforderte Schublade gesteckt, genau wie Désirée, die zwar naiv daherkommt, sonst aber zu unauffällig bleibt.

"Geron" lässt die Zuschauer ihre Vorurteile überdenken

Regisseur Bruce LaBruce beherrscht es hervorragend, einmal mehr ein tabuisiertes Thema aufzugreifen und daraus einen Film zu drehen, der einerseits herrlich komisch ist, nachdenklich macht, zutiefst bewegt und einem am Ende mit dem Gefühl zurücklässt, das eine oder andere Vorurteil noch einmal zu überdenken. Denn er macht sich die Liebe eines Jungen zu einem Alten so unprätentiös zu eigen, dass sie gar nicht mehr als etwas Besonderes auffällt. Damit hat er sein Ziel erreicht.

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Weitere Quellen: Dieser Artikel erscheint in Zusammenarbeit mit dem Magazin out!