Was zählt, ist auf dem Platz

Redaktion Von Redaktion
Was zählt, ist auf dem Platz
NDR/Marc Meyerbröker

Mit dem Tatort "Mord in der erstenLiga" wagt sich das ARD-Krimiflaggschiff Tatort an das letzte Tabuauf dem Fußball-Platz: Schwule Fußball-Profis. dbna-Autor PhilippFleiter hat genau hingeschaut.

Mit dem Tatort "Mord in der erstenLiga" wagt sich das ARD-Krimiflaggschiff Tatort an das letzte Tabuauf dem Fußball-Platz: Schwule Fußball-Profis. dbna-Autor PhilippFleiter hat genau hingeschaut.

Am Anfang liegt immer die Leiche.Darauf ist nach 40 Jahren Sonntagabend-Unterhaltung in der ARDVerlass: Diesmal ist es der junge Fußballer Kevin Faber (StephanWaak), der nach dem Bundesliga-Spiel seines Clubs Hannover 96 brutalerstickt am Ufer des Hannoveraner Maschsees liegt. Neben den Mordengeht es aber im Tatort auch immer um die Gesellschaft drum herum. Damacht der aktuelle NDR-Tatort "Mord in der ersten Liga" ebenfallskeine Ausnahme.


NDR/Marc Meyerbröker

In der verwickelten Geschichte um Kommissarin Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler) wird diesmal ein großes Fass aufgemacht und das letzte Tabu der Fußball-Bundesliga gebrochen: Der schwule Profi-Fußballer. Die erste Spur führt vom Tatort direkt in die Wohnung des Antiquitäten-Händlers Jochen Krämer (Alexander Simon).

Hier schmeckt man zum ersten Mal die schalen Klischees aus dem Betroffenheits-Baukasten, die sich durch die kompletten 90 Minuten ziehen: Krämer hat einen Aidsschleife als Schlüsselanhänger, in seiner Wohnung voll mit den Bildern nackter Kerle liegt er mit einer Pulle Prosecco heulend im Badezimmer, der CD-Player dudelt Marianne Rosenberg.

Kommissarin Lindholm kombiniert messerscharf: Hier ist was Schwules im Busch. Könnte der Fußballprofi etwa heimlich homosexuell gewesen sein? Oder ist etwa sein Mannschaftskollege und bester Kumpel Ben Nenbrook (Luk Pfaff) die Klemmschwester im Fußball-Trikot? Furtwängler, die blonde, liberale Powerkommissarin kämpft bei der Suche nach einer Antwort natürlich auch gegen einen homophoben Kollegen, der sich nicht im Traum vorstellen kann, dass es schwule Spieler in seinem Lieblingsclub geben soll. "Wir sind doch nicht Hannover 69" erklärt der seiner ob dieser fies-gemeinen Intoleranz die Brauen kräuselnden Kollegin Lindholm.

NDR/Marc Meyerbröker

Sicher, das Thema "Schwule Profi-Fußballer" ist nach wie vor ein heißes Eisen. Immer noch hat sich kein Profi in Deutschland getraut, sich zu offenbaren. Das Outing des schwedischen Viertliga-Spielers Anton Hysén vor einigen Tagen kommt da schon einer Sensation gleich von daher ist es durchaus legitim, dass der NDR dieses Thema in einem Tatort anschneidet.

Blöd nur, dass dieser Ansatz zu einer im Prinzip unwichtigen Nebenhandlung degradiert wird. Schließlich gibt es in der Bundesliga viele fiese Dinge, die auch alle noch in der Story unterkommen müssen: Brutale Hooligans, die eigentlich nur arme Würste von der Sparkasse sind und sich in Parkhäusern prügeln, um Dampf abzulassen; fiese Managertypen, die ihre Schützlinge für ein bisschen Kohle an den Satan verkaufen und natürlich die böse Sensationspresse, die sich wie Aasgeier auf die Homogerüchte stürzt.

Alles zusammen verquirlt in einer nicht wirklich spannenden Betroffenheits-Geschichte, die einem mit dem inszenatorischen Holzhammer zu Toleranz und Nachdenken anregen will. Gut gemeint ist eben nicht immer gut gemacht. Am Ende waren es der schmierige Manager UND die bösen Hooligans. Ersterer hat seinen Schützling zusammengeschlagen, weil der ihm kündigen wollte und die Hooligans haben den bereits sterbenden Fußballer dann noch fix weiter gekloppt und gefilmt. Klingt blöde und ist es auch.

NDR/Marc Meyerbröker

Unterm Strich bleibt eine engagiert aufspielende Maria Furtwängler, eine semi-sehenswerte Nacktszene mit dem attraktiven neuen Liebhaber der Kommissarin Jan Liebermann (Benjamin Sadler) und ein wenig für die Tränendrüse kurz vor Schluss: Am Ende kann der schwule Mannschaftskollege des Ermordeten, Ben Nenbrook, frisch geoutet und mit Stolz erhobener Brust unter Fan-Gejubel ins Fußballstadion einlaufen .

Also zumindest ein wenig Zuckerguss auf das langweilige Sozialdrama, das sich mehr schlecht als recht als Krimi getarnt hat.

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