Der Riss in der Seele

Redaktion Von Redaktion

Schwulen Jugendlichen geht es heute besser, als noch vor zehn Jahren? Solange es immer noch junge Schwule gibt, die sich wegen IhresSchwulseins verzweifelt auf die Bahnschienen legen, kann man nicht voneiner "akzeptablen Situation" sprechen.

Bei meinem Kumpel brennt es wieder. Zum Glück nicht im wörtlichen Sinne, aber auch im übertragenen macht das nicht sehr viel Freude. Es geht nicht mehr, ich komm nicht mehr klar, Hilfe! Nachts um zwei will man schlafen, nicht telefonieren, nicht trösten. Aber dafür sind Freunde da. In einer wilden Mischung aus Müdigkeit und Verzweiflung stehe ich frierend auf der Straße, warte auf das Taxi. Meine Gedanken wandern. Irgendwie... kann es sein... gibt es eigentlich einen schwulen Freund in meinem Leben, der keinen kompletten Hau hat?

So deprimierend dieser Gedanke ist, so bestechend ist er auch. Ich denke noch einmal gründlich nach. Lasse die vielen Gesichter vor meinen Inneren Auge vorbeischweben. Geistig gesund ist ein schwieriger Begriff. Gibt es überhaupt einen Menschen, der das wirklich ist? Der nicht irgendwo in irgendeiner Beziehung geistig gestört ist? Dennoch: Während ich meinen Bekanntenkreis Revue passieren lasse, wird mir eines schnell klar: Schwule scheinen um einiges anfälliger für solche Probleme zu sein als ihre heterosexuellen Artgenossen. Einen kleinen Knacks scheint fast jeder mit sich rumzuschleppen, auch wenn es auf den ersten Blick sehr harmlos wirkt.

Was ich mir nachts auf einer Straße zusammenträume, weiß die Wissenschaft schon lange. Tatsächlich haben schwule Jugendliche ein viel größeres Risiko Depressionen zu bekommen als Heterosexuelle. 19 % haben durchschnittlich sogar einen Selbstmordversuch hinter sich. Man liest solche Zahlen nüchtern aufgelistet im Netz und eines wird klar: Emanzipiert haben sich die Schwulen noch lange. Das freie, schwule, offene und glückliche Leben bleibt für viele nur ein Traum. Gefangen in einer stigmatisierenden Randgruppe ist es vielen kaum möglich, wirklich glücklich zu werden.

Viele Schwule leben mit einem Riss in ihrer Seele. Aufgewachsen als völlig integrierte Mitglieder der Gesellschaft bemerken sie meist in der Pubertät, dass sie sich, obwohl sie sonst haargenau ihren Altersgenossen entsprechen, doch in einer Sache eklatant von ihnen unterscheiden. Ein Unterschied, der äußerlich nicht sichtbar, aber dennoch vorhanden ist und damit um so schwerer wiegt. Fast jeder Schwule wird so vor eine Wahl gestellt: Verheimliche ich diesen Teil von mir und lebe weiter in der Gemeinschaft, verleugne mich zu gewissen Teilen selbst, oder gebe ich mich zu erkennen und gehe das große Risiko ein, aus der Gemeinschaft offensiv oder zumindest unterschwellig ausgestoßen zu werden?

Beide Alternativen sind wenig verlockend. Viele Schwule tragen diesen Konflikt jahrelang mit sich aus, bis sie endlich zu einer Entscheidung finden. Dieser ständige Kampf mit sich und der Umwelt hinterlässt Spuren. Wegen der ständigen Gefahr aufzufliegen, ausgestoßen zu werden, leben viele junge Homosexuelle unter permanentem Druck, können so keine normale Pubertät durchleben. Eine Phase des Erwachsenwerdens, die selbst für junge Heterosexuelle sehr schmerzhaft sein kann.

Daraus folgt vor allem eines: So lange es in der Gesellschaft keine völlige Akzeptanz gegenüber Schwulen gibt, kann es auch kein Glück für uns Homosexuelle geben. Solange es immer noch junge Schwule gibt, die sich wegen Ihres Schwulseins verzweifelt auf die Bahnschienen legen, kann man nicht von einer "akzeptablen Situation" sprechen.

Endlich kommt das Taxi und ich kann mich von meinen trüben Gedanken lösen. Der Fahrer kennt mich und weiß deshalb auch schon, wohin es gehen soll.

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Weitere Quellen: Bilder: photocase.com