Rosa Ferien auf Hebräisch

Redaktion Von Redaktion
Rosa Ferien auf Hebräisch
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Für viele deutsche Homosexuelle liegt der Staat Israel an der (geographischen) Peripherie. Doch Tel Aviv lockt mit einer Werbekampagne: Mehr Schwule sollen ins Land kommen, ein rosa Paradies wird versprochen. Doch was ist wirklich dran?

Sonnenschein, strahlend blaues Meer, über das sich ein wolkenloser Himmel spannt: Das am Mittelmeer gelege Tel Aviv verspricht nicht nur bestes Wetter. Es wirbt auch mit seinem "schwulen" Charakter ganz gezielt um Homosexuelle aus aller Welt, um sie als Touristen anzulocken.

Wohlwollende Publizistik für "Gay Vibe"

"Gay Vibe" heißt die Werbekampagne, mit der die Stadt zusammen mit "The Aguda", einer Schwulen-Initiative, derzeit an die Öffentlichkeit tritt. Werbeträger sind unter anderem vier heiße Jungs, deren Waschbrettbäuche nur so hervorstechen. Sie liegen sich in den Armen, wollen Spaß haben und natürlich flirten.

Begleitet wird diese Werbekampagne von einer wohlwollenden Publizistik. So heißt es bei welt.de, dass Israel vielen europäischen Ländern einen Schritt voraus sein, was die Rechte von Homosexuellen angehe. Ähnliches kann man auf gaytlvguide.com lesen, nach deren Darstellung Israel heute eines der fortschrittlichsten Länder der Welt sei, was die Frage von Gleichstellung sexueller Minderheiten angeht.

Keine "Homo-Ehe"

Tatsächlichist Homosexualität seit 1988 nicht mehr strafbar und aufgrundverschiedener Gerichtsurteile ist die Gleichstellung wirklich in vielenBereichen Realität. Allerdings können Schwule und Lesben in Israel bisheute im eigenen Land keine Partnerschaft oder gar eine Ehe eingehen,obwohl es eine breite Unterstützung für die Einführung einergleichgeschlechtlichen Ehe gibt. Dies liegt aber auch daran, dass es keine zivilen Eheschlüsse gibt, sondern nur vor einem Geistlichen der entsprechenden Glaubensgemeinnschaft die Ehe eingegangen werden kann. Will ein heterosexuelle Pärchen eine rein zivile Ehe eingehen, so muss es dafür ins Ausland gehen. Für diesen Zweck dient häufig Zypern als Ziel.

In Bezug auf gleichgeschlechtliche Partnerschaften, so entschied des ObersteGericht am 21. November 2006, haben im Ausland geschlossene "Homo-Ehen"in Israel Bestand. Homosexuelle Paare genießen auch die gleichensteuerlichen Privilegien und können Kinder adoptieren wie ebenheterosexuelle Paare auch. Die Adoption des Kindes des Partners trotznicht vorhandener Homo-Ehe erlaubte das Gericht schon ein Jahr zuvor.Schon in den 1990er Jahren waren es Gerichtsurteile, welche dieGleichstellung sowohl im privaten als auch öffentlichen Bereichvorantrieben.

Einzigartiges Land im Nahen Osten

Diesalles macht Israel im Nahen Osten wirklich zum einzigartigen Land, dennnirgends findet man sonst eine solch weit fortgeschritteneGesellschaft, die auch Diskriminierung (im Beruf seit 1992, in allensonstigen Bereichen seit 2001) verfolgt.

"Schmusende Männer undhändchenhaltende Frauen sind hier keine Besonderheit", meint AdirSteiner,  Koordinator der Homosexuellen-Events in Tel Aviv auch wennes Widerstände zum Beispiel von Seiten der jüdisch-orthodoxen Partei gebe.Diese stelle aber doch selbst nur eine Minderheit dar.

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Tel Aviv muss einfach als Homoinsel für Rest-Israel herhalten.

Tel Aviv muss einfach als Homoinsel für Rest-Israel herhalten.

Öffentliche Förderung der Kampagne

UmIsrael für Schwule und Lesben als Reiseziel auch gerade weil diegleichgeschlechtliche Liebe kein Streitthema im Land ist schmackhafter zu machen, wirbt nun "Gay Vibes" eben ganz offensiv undwird dabei auch mit insgesamt 68.000 Euro sowohl von Tel Aviv als auchvom Tourismusministerium gefördert. Selbst Israels Botschaft in Berlinmachte 2010 von sich reden, als es in einer BroschüreTel Aviv wegen "seiner Offenheit auch gegenüber Homosexuelle alsSchwulenhauptstadt des Nahen Ostens" pries.

Doch trotz "GayPride Parade" seit 1998 und den drei Mal im Jahr stattfindenden "GayWeekends" kann von einem Boom der Schwulen-Szene nicht wirklichgesprochen werden. "Die Realität sieht anders aus," sagt Matthias, derunter anderem auch frei für dbna schreibt.

"Zum Schwulenmekka hochstilisiert"

Matthiashat ein komplettes Jahr in Israel und Tel Aviv verbracht und dortseinen Zivildienst abgeleistet. In dieser Zeit hat er sich auch einenguten Einblick in das schwule Leben der zweitgrößten Stadt Isreals verschaffenkönnen. "Tel Aviv wird von Werbefachleuten zum Schwulenmekkahochstilisiert", urteilt der 21-jährige Student. "Tel Aviv muss einfachals Homoinsel für Rest-Israel herhalten", so Matthias weiter. Abgesehenvon den kleinen Szenchen in Jerusalem und Haifa gebe es im Land sonstfast nichts weiteres. Erwähnenswert seien noch Raritäten wiepalästinensische Drag Queens.

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Wilde Partys, Angebote für Jugendliche und sehr aktive schwule Gemeinschaft.

Wilde Partys, Angebote für Jugendliche und sehr aktive schwule Gemeinschaft.

Breit berichtet Matthias überseine Erfahrungen. Für Tel Aviv beschränke sich die schwuleFlaniermeile auf zwei Prachstrassen in Nord-Süd-Richtung mitLSBT-(Jugend-)Zentren und Szenekneipen. Ein angeblicher Schwulenstrandim Nordwesten der Stadt sei leider gleichzeitig ein Hundestrand undsomit für Romanzen begrenzt geeignet. Und er setzt noch einen obendrauf: "Offen schwul ist außerhalb dieser Gebiete eigentlich niemand."Dies erkläre sich aus der verzwickten Situation im Lande, da es dochviele homophobe Gruppierungen gebe.

Wilde Partys und Angebote für Jugendliche

DochMatthias will nicht ganz so ein Negativbild zeichnen. In gewisser Weisekönne man doch von einem "Homo-Paradies" sprechen. Grund seien diewilden Partys, die Angebote für Jugendliche sowie die sehr aktiveschwule Gemeinschaft. "Wenn man nicht mit ganz so hohen Erwartungen anseinen Urlaub herangeht, kann Tel Aviv doch seine neuen schwulenTouristen durchaus glücklich machen", schließt Matthias.

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Weitere Quellen: welt.de, iStockPhoto.com / diverse