Keine Angst in Andersrum

Fabian Schäfer Von Fabian Schäfer
Keine Angst in Andersrum
Maik Rietentidt

Die berühmte Dragqueen Olivia Jones hat ein Kinderbuch geschrieben. Durch eine heitere und beschwingte Sprache schafft sie es, Homosexualität als das darzustellen, was es ist: Ganz normal. Damit kämpft sie gegen "schwul" als Schimpfwort auf Schulhöfen und für Verständnis und Akzeptanz.

Olivia Jones ist die wohl bekannteste Dragqueen Deutschlands. Spätestens seit dem Dschungelcamp kennt sie jeder. Doch der schrille Paradiesvogel nutzt seine Bekanntheit auch dafür, um sich politisch gegen Rechts einzusetzen. Jetzt hat Olivia ein Kinderbuch geschrieben.

Es ist eine "Herzensangelegenheit", wie sie im Vorwort schreibt. Es gebe zwar genug Bücher für Jugendliche, diesen Zeitpunkt findet sie aber zu spät. Also hat sie eine Geschichte zu Papier gebracht, die schon für Kindergarten- und Grundschulkinder geeignet ist.

Die Erzählung beginnt mit Luis, der von der Schule ein neues Wort mitgebracht hat. Das muss er natürlich sofort präsentieren: "Der Spinat ist voll schwul!" Seine kleine Schwester Emma plappert das natürlich sofort am Küchentisch nach. Nur Tante Maria ist gar nicht begeistert davon. "Weißt du überhaupt, was schwul ist?", fragt sie deshalb. Das weiß er natürlich: Schwul ist, wenn sich zwei Männer lieb haben. Und schwul ist eklig.

"Normal" gibt es nicht

Deshalb beginnt Tante Maria, den beiden Kindern eine Geschichte zu erzählen. Sie spielt in Andersrum einer Stadt, in der alles eben anders ist. Los geht das Gedankenexperiment. In Andersrum tragen Männer Röcke und haben typische Frauenberufe. In Andersrum heißen Männer Inge. Inge trägt einen Rock und verliebt sich in eine Frau. Das ist in Andersrum natürlich ein Skandal. Normal haben sich dort nur Männer oder Frauen untereinander lieb.

www.olivia-jones.de
Olivia Jones bricht in ihrem Buch spielerisch mit Rollenbildern.

Olivia Jones bricht in ihrem Buch spielerisch mit Rollenbildern.

Olivia Jones schafft es, eine Welt aufzubauen, die mit Geschlechter- und Rollenklischees spielt. Und, viel wichtiger, es gelingt ihr, diese Stereotype den jungen Lesern als genau das zu präsentieren. Die Botschaft ist klar: Ein Mann bleibt ein Mann, selbst wenn er ein Kleid trägt. Das sind Äußerlichkeiten. Während die Gender Studies unter dem permanenten Druck stehen, sich als Forschungsdisziplin rechtfertigen zu müssen, schafft es dieses Kinderbuch, ganz Wesentliches zu vermitteln: Geschlechter sind nicht starr, es gibt keine typischen Männer oder Frauen, "Normal" gibt es nicht und: Homosexualität ist normal.

Stereotype erkennen und überwinden

Denn natürlich zielt Tante Maria darauf ab, ihrer Nichte und ihrem Neffen eines beizubringen: In Andersrum werden ein Mann und eine Frau deshalb schief angeschaut, weil sie sich lieb haben, und weil das dort eben nicht normal ist. Dabei können sich der Inge und die Gerd das gar nicht aussuchen. Dann schafft sogar Luis es, das in unsere Welt zu übertragen: Wenn zwei Männer oder Frauen sich lieben, dürfen wir sie deshalb nicht eklig finden.

Schließlich bringt Tante Maria auch viele Beispiele aus der Tierwelt, um wirklich zu verdeutlichen, dass Homosexualität ganz normal ist. Besonders schön: Am Ende des Buches sind ein paar Fragen und Erklärungen. Da sieht man etwa einen Schotten mit Schottenrock und langen Haaren von hinten und soll raten, ob es ein Mann oder eine Frau ist. Erst nach dem Umblättern sieht man, dass es ein Mann ist, obwohl er von hinten weiblich aussieht. Auch hier geht es darum, die Kinder Vorurteile und Stereotype erkennen zu lassen und sie zu überwinden.

Olivia Jones' "Geschichte vom anderen Ufer" ist ein großartiges, buntes und fröhliches Buch. Ein tolles Geschenk für eigene kleine Geschwister, Nichten oder Neffen oder auch für sich selbst, um sich mit den Fragen nach Selbstentfaltung und Lebensgestaltung zu konfrontieren.

Olivia Jones
KEINE ANGST IN ANDERSRUM
Eine Geschichte vom anderen Ufer Mit Illustrationen von Jana Moskito

56 Seiten | Hardcover | Format 16,5 x 23,5 cm
ISBN 978-3-86265-435-2 | 9,99 EUR (D)

Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag, Berlin 2015

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Weitere Quellen: Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag